| "Den Ehrwürdigen!" Predigt aus 1. Petrus 2,13 - 17 im Gottesdienst am 21. Januar 2001 im Basler Münster (In der Reihe "Von Liebe wegen": Bruder Klaus schreibt an den Rat von Bern) Lesung:Matthäus 10,16 - 22.28 - 31 Pfr. Dr. Bernhard Rothen Ordnet euch jeder menschlichen Schöpfung unter, um des Herrn willen, sei es einem König als einem, der herausragt, seien es Vorstehern als solchen, die von ihm gesandt sind zum Gericht für die Übeltäter, zum Lob aber für diejenigen, die Gutes tun. Denn auf diese Art ist der Wille Gottes beschaffen: Dass ihr Gutes tut und so zum Schweigen bringt die Unwissenheit der unbesonnenen Menschen, als die Freien und nicht als solche, denen die Freiheit zum Deckmantel für das Böse dient, sondern als Gottes Knechte. Allen gebt Ehre, die Bruderschaft liebt, Gott fürchtet, dem König gebt Ehre. 1. Petrus 2,13 - 17 Liebe Gemeinde! Im 2. Jahrhundert nach Christus hat der heidnische Philosoph Celsus mit beissendem Spott die soziale Herkunft der Christen beschrieben. Der Glaube, schreibt er, sei offensichtlich etwas für "Ungebildete, kleine Leute, Sklaven, Frauen und Kinder". Ähnlich sagen auch heute Spötter manchmal, in den Kirchen seien nur ein paar alte Frauen. Tatsächlich sind die christlichen Kirchen ein Sammelbecken auch gerade für geringe und zurückgesetzte Menschen. Und dazu kommt (wir haben es vorhin wieder gesungen): In Christus sind alle gleich, keiner steht höher, keiner ist weniger wert (Lied 794). Diese Liebe zu den geringen Menschen und diese christliche Gleichheit haben wir in der modernen Welt zu einem allgemeinen Prinzip gemacht. Und da geschieht, was die heidnischen Kritiker befürchtet haben: Alles wird mittelmässig. Brüderlich klopft einer dem andern auf die Schultern, niemand muss etwas leisten, bevor er reden darf, alle haben das demokratische Recht, frisch drauflos ihre unausgegorenen Meinungen zu vertreten, niemand muss sich schämen, alle sind gleich und alles ist gleich-gültig. Das ist die Konsequenz, wenn man die Linien im Evangelium auszieht ohne eine innere Kenntnis vom Glauben. Dieses Unwissen aber, schreibt der Apostel im heutigen Predigttext, sollen die Glaubenden zum Schweigen bringen. Sie sollen nicht dummdreist ihre Rechte demonstrieren, sondern sollen den geheimnisvollen Weg der Liebe gehen. I Im Umgang mit der Gleichheit weist uns das neutestamentliche Wort einen Weg, der viel realer und menschenfreundlicher ist als die modernen Prinzipien und die alten heidnischen Klagen. Wir müssen nur ganz genau hören, was der Apostel sagt. Es gibt menschliche Geschöpfe, schreibt er, die "mehr haben". Was genau sie mehr haben, sagt er nicht. Im griechischen Urtext sind die Formulierungen recht offen, nicht so eindeutig hierarchisch wie z.B. in der Lutherübersetzung. Zur Zeit der Apostel gab es Könige und Fürsten. Aber auch in unserer Zeit gibt es ja Menschen in herausragenden Stellungen. Es ist uns eine Ordnung vorgegeben, und diese Ordnung sollen wir nicht demokratisch nivellieren, sondern sollen uns denen, die höher sind, unterstellen. Sonst können die Höheren nichts Höheres sein - und das schadet am Ende uns allen. Der Apostel formuliert es sehr feierlich: es ist Gottes Wille, dass die gleichberechtigten Brüder sich unterordnen unter die Gewalten, die (sehr weltlich!) über ihnen stehen. "Unterordnen", heisst es. Nicht gehorchen sollen wir den Obrigkeiten, nicht lieben müssen wir sie, auch nicht fürchten sollen wir sie. Fürchten sollen wir Gott, sagt Jesus mit scharfen Worten, nicht die Menschen (Matthäus 10,28). Lieben aber dürfen wir die Geschwister im Glauben, diejenigen, die mit uns im gleichen Geist und im gleichen Haus von Gott, dem Vater, erzogen werden. Der Apostel weiss, dass es eine falsche Unterwürfigkeit gibt, ein Schmeicheln, Heucheln, Kriechen, schrecklich. Aber das Neue Testament weiss auch: wenn ein Mensch ganz frei sein will, wird er unter der Hand zum Wetterfähnlein, getrieben von seinen Begierden und Ängsten, ohne Rückgrat. Wir haben etwas davon auf traurige Weise erlebt, liebe Gemeinde: Seit Jahrzehnten erziehen wir unsere Kinder zur Freiheit. Es gibt kein grösseres Ideal als den aufrechten, mündigen Bürger in seiner individuellen Freiheit. Aber wo sind jetzt die vielen grossen Persönlichkeiten, die furchtlos gegen den Strom schwimmen und nur nach der Wahrheit fragen? Der Apostel meint: wer Gott fürchtet, kann sich menschlichen Autoritäten unterordnen und bleibt doch innerlich frei. Wer Brüder und Schwestern hat, die er liebt und von denen er geliebt wird, kann sich äusserlich unterziehen und behält doch seine Würde, auch wenn er gedemütigt wird. Denen, die in herausgehobenen Positionen stehen, sollen wir die Ehre geben. Nicht, weil es sonst unserer Karriere schadet, sondern weil es Gottes Wille ist! Das klingt für uns suspekt. Unter Anleitung zum Beispiel der sogenannten Frankfurter Schule haben wir im vergangenen Jahrhundert ein grundsätzliches Misstrauen gegen jede Autorität aufgebaut. Wer von Unterordnung redet, macht sich als geheimer Faschist verdächtig. Und damit ist auch etwas Richtiges erkannt: Die Oberen sind in sich keine Ehre wert. Wer hinter die Kulissen sieht, weiss, dass es auch bei den Höheren oft sehr niedrig zu und her geht. Der Apostel weiss das noch besser als wir. Darum sagt er eindringlich: Ordnet euch unter "um des Herrn willen". Nicht die hohen Herren - aber der Herr über ihnen, Christus, ist es wert, dass wir um seinetwillen die Oberen ehren. Es hat eine Verheissung. An diesem Punkt, liebe Gemeinde, ist es höchste Zeit (wenn es überhaupt noch Zeit ist), dass wir aus den modernen Pauschalurteilen wieder zurück zu einer biblisch differenzierten Sicht der Dinge finden. Alle sind gleich, sagen wir in der modernen Zeit, und wenn jemand etwas besonderes sein soll, muss er das rechtfertigen mit besonderen Qualitäten und muss zeigen, dass es so allen nützt. Für uns sind die Oberen darum im besten Fall "Verantwortliche", also Menschen, die beständig Antwort geben müssen, sobald nur ein Journalist ihnen das Mikrophon vor den Mund hält, oder sie sind sogar nur Funktionäre, die wie Manager dafür sorgen, dass der Wohlfahrtsstaat reibungslos weiterläuft. So aber ist es nicht verwunderlich, liebe Gemeinde, dass unsere Oberen ins Mittelmass oder noch tiefer hinabsinken. Und das hat schreckliche Folgen für das ganze Leben. Auch wir sind dann nur so viel wert, wie wir Antwort geben und uns rechtfertigen können und zum guten Gang des Lebens beitragen - und wenn wir einmal dann auf der Pflegestation liegen, kommt man und fragt uns freundlich, ob es nicht an der Zeit wäre, dass wir den kleinen Giftbecher trinken und funktional aus dem Leben scheiden. Die Bibel sagt etwas anderes. Die Welt ist von Gott erschaffen und wir Menschen sind von ihm geliebt. Das Leben ist geschenkt. Es muss nicht nur funktionieren, und es muss sich nicht dauernd rechtfertigen. Es ist zuerst einmal in sich gut. Alle Lande, singen die Engel, sind voll von Gottes Herrlichkeit (Jesaja 6,3)! Eine Ehre liegt in allem, was ist, verborgen, und etwas von dieser Ehre dürfen die Oberen repräsentieren. Darum haben alle Menschen Freude, es ehrt uns, wenn die Oberen ehrenvoll dastehen. Und umgekehrt verunehrt es uns alle, wenn unsere Oberen eine Schmierenkomödie aufführen. II Was diese Oberen aber zu tun haben, beschreibt der Apostel auch mit sehr präzisen Worten. Das Neue Testament ist realistisch. Es hat nicht die Illusion, dass die politischen Machthaber eine gerechte Gesellschaft schaffen können. Ihre Aufgabe ist bescheidener, aber darum darf man dieses Bescheidene voll und ganz von ihnen erwarten. Sie sollen das selbstherrlich Böse eingrenzen und zurückbinden (nicht abschaffen, das ist nicht möglich). Und sie sollen dem Willen, Gutes zu tun, Raum geben und ihn loben. Unser Regierungsrat hat letzte Woche völlig richtig gesagt: Dass die Menschen aus fremden Kulturen bei uns anständig behandelt werden, kann man nicht mit einem regierungsrätlichen Konzept sicherstellen. Jeder einzelne Bürger muss dafür sorgen. Das Gute tun nicht die Obrigkeiten. Das tun die Fürsorger, die sich mit Geduld um unsere psychisch kranken Mitmenschen kümmern, die Handwerker, die mit Sorgfalt schaffen, die Männer, die unsere Kanalisation putzen und die Techniker, die rechte Produkte entwickeln. Das Gute müssen die Menschen an ihrem jeweiligen Lebensort tun. Die Oberen können dieses Gute nur schützen und anerkennen, und sie können dem Frechen Grenzen setzen. Das ist wenig, und ist doch sehr viel, wenn es getan wird. III Und eines ist noch mehr! Jesus hat seinen Jüngern gesagt: Man wird euch vor Fürsten und Könige führen um meinetwillen (Matthäus 10,18). Auch den Menschen in den herausgehobenen Stellungen ist das Evangelium gesagt. Und es ist nicht nur ihre Privatsache, wie sie darauf reagieren. Es hat Folgen für ganze Generationen. Auch in unserem Land haben sich die Mächtigen manchmal etwas sagen lassen im Namen Gottes. Sie haben das manchmal dann zwar vereinfacht, sogar auch für sich verzweckt und missbraucht, und dann wurde es schrecklich. Aber es ist doch auch geschehen, dass die Oberen nicht nur ihre Stellung verteidigt und sich nach ihrem Vorteil gerichtet haben, sondern dass sie gehorsam ihr Herz aufgetan haben für den Mann aus Nazareth und seine Liebe zu den Armen. Es ist geschehen, dass die Oberen in der Gemeinde die kleinen Menschen als ihre Brüder und Schwestern zu achten gelernt und ihre Ehre in den Dienst von Gottes Gnade gestellt haben. Wenn das geschieht - und niemand kann das machen - kommt die Ehre Gottes in einem Land noch einmal anders zum Strahlen. Das natürlich Gute und die Gnade Gottes finden sich, und öffnen neue Wege in die Zukunft. Auf diese Weise ist einmal unser Münster gebaut geworden, liebe Gemeinde. Deshalb soll im Sommer dieses Jahres jetzt bei uns auch wieder ein Wort Raum bekommen, das einmal an die Oberen in unserem Land gerichtet und von ihnen angenommen worden ist. "Den Ehrwürdigen!" Mit dieser kurzen Anrede hat Niklaus von Flüe seinen Brief an die Ratsherren in Bern begonnen. Diesem einzigartigen Dokument aus unserer Geschichte werden wir hier im Münster eine Ausstellung und ein Spiel widmen, und das wird der Beitrag unserer Gemeinde zu den grossen Jubiläumsfeierlichkeiten unserer Stadt sein. Weil unsere Stadt zum ganzen Land gehört, soll dieser Beitrag auch weiter ausstrahlen. Darum wird diese Predigtreihe durch die Themen des Briefes führen und uns darauf vorbereiten. Es ist Gottes Wille, dass wir denen, die herausragen, Ehre geben. Dadurch will Gott dem ganzen Leben eine Würde verleihen. Unsere Kinder warten darauf, dass ihre Lehrer ihnen mit Autorität begegnen. Das Leben hat keinen tieferen Wert, wenn nicht der Unterschied von Gut und Böse gilt. Viele Menschen sind entleert, haltlos zerstreuen sie sich und vertun ihr Leben zwischen Fernsehapparat und Einkaufszentrum. Sie warten im Grunde darauf, dass die Oberen wieder Stellung beziehen und das Leben nicht gänzlich versinkt in Ramsch und Schund. Und die Oberen selber, liebe Gemeinde: Warten nicht auch sie darauf, dass sie noch etwas anderes sein dürfen als nur "Verantwortliche" und Funktionäre und Manager? Es ist uns sehr zu wünschen, dass Menschen als Ehrwürdige da sind, und wir uns ihnen unterordnen können. Aber das können wir nicht nach einer Bedürfnisanalyse dann von oben verordnen oder von unten herbeidiskutieren. Es kann uns nur geschenkt werden von Gott. Wir können, wir müssen, wir dürfen darum beten, dass Gott sich auch gerade den Oberen zuwendet, dass er mit ihnen ist und ihnen eine rechte Autorität verleiht. Ob uns das geschenkt wird? Verdient haben wir es sicher nicht. Aber Gott will uns ja mehr und Besseres geben, als wir verdienen. Amen.
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