Der Brief
Die Stiftung
Niklaus von Flüe
Stiftungszweck
Kontakt


Von Liebe wegen
Predigtreihe zum Thema

Links
Impressum
Predigt
aus 1. Mose 12,1 - 3
im Abendmahlsgottesdienst
am Dank-, Buss- und Bettag, 17. September 2000
in der Gellertkirche Basel

Pfr. Dr. Bernhard Rothen


Und der Herr sprach zu Abram:
Geh aus deinem Land
und fort aus deiner Verwandschaft,
und fort aus deinem Vaterhaus,
in ein Land, das ich dir zeigen werde.
Und ich will dich zu einem grossen Volk machen
und will dich segnen
und will gross machen deinen Namen,
und er wird ein Segen sein.
Und ich will segnen,
die dich segnen,
und die dir fluchen,
will ich verfluchen.
Und es sollen gesegnet sein in dir
alle Geschlechter auf Erden.
(1. Mose 12,1 - 3)


Liebe Gemeinde! Wieder dürfen wir das Wort Gottes hören, so wunderbar einfach und klar!

I

Hier im 12. Kapitel des 1. Mosebuches macht Gott einen neuen Anfang. Schicksalsschwer für alle Generationen und Völker, wählt er den einen und schickt ihn auf seinen langen, langen Weg. Vorher hat die Bibel erzählt von der Schöpfung, wie gut alles gemacht ist, und vom unbegreiflichen Rätsel der Sünde: Kain soll sieben Mal gerächt werden, Lamech 77 Mal. Jetzt aber macht Gott einen neuen Anfang, den Anfang für eine neue Schöpfung!
Damit ist viel gesagt: Gott will nicht mehr einfach nur vom Himmel herab direkt mit allen Menschen reden. Er will nicht mehr allen Völkern gleich nahe und gleich fern sein. Er will nicht mit jedem einzelnen durch das Gewissen und das Gefühl reden. Gott macht einen neuen Anfang und wählt einen ganzen bestimmten Weg, wie er von jetzt an mit den Menschen umgehen und ihnen seinen Segen geben will. Er beruft Abram und sagt: An diesem einen soll sich das Schicksal von allen Geschlechtern entscheiden. Durch diesen einen will ich in Zukunft die Generationen segnen - und wer das nicht will, muss den Fluch tragen.
Das ist eine unerhörte Zumutung. Haben wir das nötig? Haben wir den Segen nicht in uns? Haben wir ihn nicht verdient, wenn wir anständig leben und nichts Unrechtes tun? Gerade an diesem Tag ist es eine Zumutung: Wir Schweizer, sagt das Bibelwort, sind nicht von Natur aus von Gott gesegnet. Wir bekommen seinen Segen nicht wegen unserer Abstammung, oder weil wir so rechtschaffene, treuherzige und verlässliche Menschen sind. Wir finden diesen Segen Gottes auch nicht in der Natur. Wer den lieben Gott im Wald sucht, findet unbarmherzig beides: Das Rauschen der Blätter und das Zwitschern der Vögel, aber auch die Schreie der Tiere in der Todesangst und den kühlen Schauder der Vergänglichkeit über allem. Der Segen Gottes, der bleibt, finden wir nicht in der Natur und nicht in unseren nationalen Tugenden.
Der Segen ist an Abram gebunden. Auch für ihn ist das eine Zumutung: Seine Nachkommen sollen das eine, grosse Volk sein, an dem sich das Schicksal aller Völker entscheidet. Bis heute werden die Juden immer wieder gehasst, weil sie dieses Wort mit sich tragen. Und doch: Das ist der Weg, den Gott gewählt hat. Ein neuer Anfang: Auf diesem Umweg, von aussen her, will er wieder zu uns kommen mit einem ewigen Segen.

II

Durch die Nachkommen Abrams, durch Petrus, Paulus, Andreas, Johannes und die anderen Jünger wissen wir: Dieser besondere Segen ist der Segen, den am Ende der Zeiten Abrahams Sohn gebracht hat, Jesus - der Segen der Vergebung (Galater 3,14). Das Lamm Gottes hat unsere Sünden weggetragen. An seinem Tisch bekommen wir Anteil an dem Leib, in dem die Sünde gebrochen, und an dem Kelch, mit dem der Bund der Gnade auf ewig besiegelt ist. Nur durch diesen neuen Anfang haben wir einen Segen, der Zukunft und Hoffnung verleiht.
Wenn wir das hören, scheiden sich die Geister. Die einen sagen: Ja, das habe ich nötig! Das tröstet mich: Es gibt ein Land, wo die Tränen getrocknet werden und wo ich nichts Böses mehr tun und denken werde. Ein solches Land kenne ich nicht. Aber gesegnet sei der Mensch, durch den dieses Versprechen in die Welt gekommen ist! So segnen die Leidgeprüften mit neuem Glauben Abram, und werden dadurch von Gott gesegnet. Ich will segnen, die dich segnen. Beide Male steht im Bibeltext genau dasselbe Wort. Aber dann heisst es: Wer dich flucht, den will ich verfluchen. Und da stehen zwei unterschiedliche Wörter. Das erste Wort heisst ursprünglich gar nicht so etwas Hartes wie "fluchen". Die erste wörtliche Bedeutung lautet etwa: Etwas "leicht nehmen". Man könnte also übersetzen: Wer leichtfertig vorbeigeht an der Tatsache, dass Abram Abram ist, wer sich nicht weiter kümmert, sondern gleichgültig und verächtlich vorbeigeht an der besonderen Existenz des besonderen Volkes Israel, über den spricht Gott am Ende seinen Fluch. Es wird dadurch schliesslich etwas endgültig gemacht, was vorher in der Schwebe war. Denn bei uns Menschen bleibt ja vieles vage und unbestimmt. Wir müssen immer wieder differenzieren und die Dinge offen halten; wir können uns über nichts ein letztes Urteil anmassen. Aber Gott sagt zu Abraham: wer gleichgültig alles in der Schwebe lassen will dir gegenüber, "den will ich verfluchen".
Das ist deutlich gesagt. Aber es ist nur mit einem knappen Wort nur einmal gesagt. Es ist offenkundig: Was Gott erreichen will, ist nicht, dass er verfluchen muss. Er will das andere, und freut sich, wenn es geschieht: Dass er segnen darf und die Menschen zu einem Segen macht.
III
Und das will er auch wieder an uns tun, liebe Gemeinde: uns zu einem Segen machen! Dazu ruft er auch uns irgendwie fort von unserer Verwandtschaft und unserem Vaterhaus, in ein Land, das er uns erst noch zeigen wird. Wir müssen mit unserem Glauben aufbrechen in Dimensionen, die wir nicht überblicken und wo wir die Dinge nicht kontrollieren können. Ein Land, in dem es keine Müdigkeit und keine bitteren Enttäuschungen geben wird, in dem wir Menschen uns nicht mehr beneiden und mit kleinen und grossen Gemeinheiten das Leben schwer machen: Das ist keine menschlich Möglichkeit. Wenn uns Gott dorthin ruft, müssen wir fort aus allem, was uns vertraut und möglich ist.
Und das ist ein mächtiger biblischer Grundton: Auch Jesus hat seine Jünger gerufen, fort von ihren Häusern, fort von ihren Frauen, fort von Kindern und Gütern (Lukas 5,11 u. 18,28-30). Radikal hinaus aus allem, was wir haben und sind, ruft uns Jesus!
Aber merkwürdig: Nachdem er Abram weggerufen hat, sagt Gott zu ihm: In dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter! Er sagt nicht: In dir sollen gesegnet sein alle Menschen, jeder einzeln, alle diejenigen, die ich aus allem heraus gerufen habe. Er sagt nicht: jedes Individuum soll es für sich allein erleben. Gott sagt: Alle Geschlechter. Und so rufen auch die Psalmen immer wieder: Es danken dir, Gott, alle Völker (Psalm 67)! Und Jesus sagt ausdrücklich: machet zu Jüngern - nicht jeden einzelnen Menschen, sondern machet zu Jüngern "alle Völker" (Matthäus 28,19). Zuerst ruft Gott heraus aus allen naturhaften Bindungen. Aber dann führt er wieder zurück und erneuert und verwandelt die Gemeinschaft, die naturhaft gegeben war.
Das ist ein fremder Gedanke für uns, liebe Gemeinde. Auch ich habe mich erst nach und nach, oft verwirrt, aber mit einer immer grösseren Verwunderung und Freude in diesen Gedanken hineinführen lassen. Wenn wir westlichen Menschen über unser Leben nachdenken, sehen wir den Einzelnen vor uns, jeder einzeln für sich, und dann um ihn herum vielleicht die Familie, und Freunde und Bekannte... und dann bald einmal die Menschheit. Aber dazwischen gibt es ein Bindeglied, das in der Bibel sehr wichtig ist: Das "Geschlecht", also einerseits die Menschen einer bestimmten Generation, und andererseits die Menschen mit einer gemeinsamen Abstammung, die durch das Verdienst und die Schuld ihrer Vorfahren miteinander verbunden sind und die dafür danken und Busse tun müssen. Von den Völkern und den Nationen ist in der Bibel viel die Rede!
Das vergessen und verdrängen wir oft. Es ist ja auch gefährlich. Der Nationalismus ist aus solchen Gedanken entstanden und hat furchtbare Kriege gebracht. Aber gerade darum dürfen wir dieses Thema nicht nur anderen überlassen. Sonst werden wir mitschuldig, wenn der Rechtsextremismus zunimmt. Wenn wir nichts zu sagen haben zum Thema Nation, sagen andere etwas darüber, schrecklich vereinfachend und selbstgerecht. Es ist höchste Zeit, dass wir wieder ein gutes, ein biblisch begründetes Wort über die besondere Rolle der Völker und also über die Stellung unseres Volkes finden. Wir müssen wieder acht geben, und zum Leuchten bringen, wie das Wort Gottes hier in unserem Land seine spezielle Geschichte gehabt und das Leben geformt hat. Wir müssen wieder reden lernen von dem, was von Abram her den Generationen -, und also auch den Geschlechtern hier, gegeben und ihnen abverlangt worden ist.
In der Missionsforschung, speziell in Amerika, hat man die Beobachtung gemacht: Die Menschen leben in Stammesverbänden, und sie bekehren sich nicht je einzeln, sondern meistens, wenn es zum Durchbruch kommt, in ganzen Sippschaften. Schon in der Bibel heisst es: Er und sein ganzes Haus wurden gerettet (Apostelgeschichte 16,31). Später, hier bei den Kelten und Germanen, hiess es: Er und sein ganzer Stamm. Das hatte gewiss viel Problematisches an sich. Es ist für uns ein fremder Gedanke. Aber er ist doch deutlich durch das Bibelwort geformt! Die Bibel rechnet damit, dass das Evangelium eine Adresse hat an ganze Völker, und dass es ganze Geschlechter umgreift und durchdringt. Ich denke, es wird in Zukunft viel für uns und unsere Gemeinden und Kirchen davon abhängen, ob wir uns in das fremde Land dieses Gedankens hineinführen lassen auch auf unvertraute Wege.

IV

Und diesbezüglich habe ich ein aktuelles Anliegen. Darum hat mich Pfr. Tontsch eingeladen, heute hier zu predigen.
Auch in unserem Land hat es einmal einen Anfang gegeben, bei dem das Wort Gottes eine formende Rolle gespielt hat. Natürlich anders als mit Abram! Nicht grundlegend für alle Völker! Aber irgendwie massgebend und wegleitend für uns hier. Das war nicht 1291. Der Rütlibund war nur einer von vielen, die alle wieder zerfallen sind. Erst viel später ist etwas Eigentümliches geschehen, das Bestand haben sollte: Städte und (damals recht rohe) Bauernverbände haben sich partnerschaftlich verbunden; und dann ist auch die damals grösste und weitaus bedeutendste Stadt, Basel, dazugekommen.
Vorbereitet und möglich gemacht worden ist das durch den Rat und das vermittelnde Wirken von einem besonderen Menschen. Ein Mensch, der auch wegziehen musste aus seinem Vaterhaus und seiner Verwandtschaft, und der dann doch zu einem Segen für viele Geschlechter geworden ist: Niklaus von Flüe, ein Mensch in der radikalen Jesusnachfolge. Was er in dieser Nachfolge und in seinem liebevollen Wirken für sein Land erkannt und verstanden hat, fasst er ein einziges Mal in eigene Worte: In dem Brief, den er an den Rat von Bern diktiert.
Dieser Brief ist weitgehend unbekannt. Es ist auch ein Brief, der nicht sofort begeistert, er ist so vielschichtig und dicht: Man muss sich Zeit nehmen und langsam eindringen. Aber dann ist es ein wunderschöner Brief! Mit dem eigenartigen Ton, der zu dem verhaltenen, kargen Wesen eines Bergvolkes passt, und doch mit einer reichen geistigen Tiefe und Klarheit, mit einem weiten Horizont und einer feinen Herzensbildung, aber dann doch auch irgendwie urtümlich und ganz naiv beschreibt Niklaus, wie eine Gemeinschaft beschaffen sein muss, wenn sie vor Gott Bestand haben soll. Diese Worte sind mir zu Herzen gegangen. Ich trage seit langem die Überzeugung in mir: Das ist ein grundlegendes, vielleicht sogar das eine, grundlegende Dokument auf dem Weg, den das Evangelium hier in diesem Land mit den Geschlechtern gegangen ist. Kein Wort steht in dem Brief, das nicht biblisch abgedeckt ist (merkwürdigerweise kommt auch Maria nicht vor, obgleich der Brief 40 Jahre vor der Reformation verfasst worden ist). Aus diesem Brief spricht für mich die besondere Art und Weise, wie der Segen Abrahams bei uns empfangen worden ist. Und das finde ich schön! Ich lese darin die Bestätigung: Wir Schweizer mit unserer Eigenart, nicht ganz so geistreich, und auch nicht so voll von spontaner und übersprudelnder Lebenskraft, wie wir gern sein möchten, sondern eher ein bisschen hölzern, nüchtern, geistig langsam und pragmatisch und allem Spekulativen und Übersteigerten abgeneigt: Wir dürfen so sein. Wir sind mit dieser Eigenart von Gott geliebt (wie die anderen Völker mit ihrer Eigenart). Wir haben auf unsere Art das Evangelium angenommen, und das ist Grund zu grosser Dankbarkeit und Grund, dieses Land und seine Leute von Herzen zu lieben.
Durch viele merkwürdige Fügungen ist es mir zur Aufgabe geworden, diesen Brief und seinen Gehalt bekannt zu machen. Ich möchte ihn in das Denken und Suchen unserer Zeit hineinstellen und herausfordernd sagen: Das ist unsere Geschichte. Das ist unsere Abstammung — geht nicht leichtherzig und verächtlich daran vorbei.
Dieses Bemühen ist viel bedeutsamer, als ich zuerst verstanden habe. Als ich mich mehr und mehr mit der Geschichte unseres Landes beschäftigt habe, ist mir plötzlich klar geworden: In den letzten beiden Jahrhunderten hat man ganz bewusst neue Personen und Figuren geschaffen und in das Denken und Fühlen der Menschen hineingestellt: Helvetia, Wilhelm Tell, Winkelried... Auch das Jahr 1291 hat man erst damals zu einem zentralen Datum emporstilisiert. Es gab eine bewusste Absicht, die auch erfolgreich gewesen ist: man wollte Personen ins Zentrum rücken, die nur durch ihre politische Symbolkraft verbinden sollten. Man wollte die Geschichte unseres Landes bewusst lösen von seinen christlichen Wurzeln. Die Bedeutung des Evangeliums für diese Geschichte sollte an den Rand geschoben und vergleichgültigt werden. Dass unsere Abstammung etwas zu tun hat mit dem Gott Abrahams, wollte man verdrängen.
Ich denke: Jetzt ist es höchste Zeit, diese christlichen Wurzeln wieder aufzudecken und den Beitrag des Evangeliums zur Geschichte unseres Landes neu ins Bewusstsein zu heben. Wir spüren ja überdeutlich, wie leer das Leben wird ohne diesen Gehalt.
Nächstes Jahr feiern wir das Jubiläum, dass vor 500 Jahren Basel und die Eidgenossen ihren Bund beschworen haben. Das war 20 Jahre nach dem Wirken von Niklaus von Flüe und geschah auf der Grundlage dessen, was er den Eidgenossen mitgegeben hatte. Beim Jubiläum wird es von staatlicher Seite ein gewaltiges Volksfest auf dem ganzen Stadtgebiet geben. Und da soll im Münster der kirchliche Beitrag präsent sein, der von unserer Gemeinde verantwortet wird: Eine Ausstellung, die zeigt, welche aktuelle Bedeutung die mahnenden Worte von Niklaus von Flüe haben, und ein Kirchenspiel, das seinen Weg der radikalen Nachfolge erzählt, und wie daraus ein neuer Segen gekommen ist.
Ich möchte nun heute (weil ich vor dieser grossen Aufgabe auch meine grosse Schwachheit gut spüre) einfach darum bitten, dass Ihr, so gut Ihr das könnt, dieses Anliegen zur Kenntnis nehmt, dass Ihr im Gebet darum bittet, dass durch dieses Bemühen der Segen Abrahams neu über uns kommt, und dass Ihr im Kleinen oder im Grossen dieses Bemühen unterstützt, mit kritischen Fragen und Vorschlägen oder anderswie.
Dabei geht es um das eine, was an diesem heutigen Tag unser aller Anliegen ist: Der Glaube darf nicht eingeschlossen bleiben in das Individuelle, als eine blosse Privatsache, in der jeder seine eigen Meinung haben darf, weil es keine allgemeine Rolle spielt. Gottes Wort will uns mit sich führen, dass wir von Herzen dankbar zur Kenntnis nehmen, was dieses Wort für unser Land Gutes gewirkt hat, dass wir uns nicht kritiksüchtig von allem distanzieren, sondern Busse tun und umkehren zu der ersten Liebe (zu einer gesunden Liebe auch zu diesem unserem Land), und dass wir Gott bitten um seinen Segen, von dem Niklaus schreibt: "Die Liebe ist alleweg in Gott, denn Gott ist erfüllt, und Frieden mag nicht zerstört werden, Unfriede aber würde zerstört." Amen.

zurück zur Predigtsammlung oder Top