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"Der Friede Christi"
Predigt
aus Kolosser 3,1-15
im Abendmahlsgottesdienst
am Auffahrtstag 2001, 24. Mai 2001
im Basler Münster
Lesung: Offenbarung 1,5-8
Musikalische Gestaltung: Knabenchor der St George?s Church, Belfast
(Europäisches Jugendchorfestival)
Pfr. Dr. Bernhard Rothen
Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist.
Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit.
So tötet nun die Glieder, die auf Erden sind, Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht, die Götzendienst ist. Um solcher Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. In dem allen seid auch ihr einst gewandelt, als ihr noch darin lebtet.
Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde; belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat.
Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus.
So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
Kolosser 3,1-15
I
Liebe Festtagsgemeinde!
Miteinander schauen wir heute wieder hinauf zu dem, der einmal ganz unten war, weil er uns geliebt hat.
Jesus verehren wir; ihn beten wir an, wie die Jünger es am ersten Auffahrtstag getan haben! Und dieser Jesus ist einmal in grosser Schande an einem Kreuz ausgespannt worden. Seine Hände und Füsse waren durchbohrt, sein Körper wurde von schrecklichen Schmerzen entstellt, und seine Feinde haben ihn verhöhnt. Hilflos und nackt war er ihrem Spott preisgegeben.
Zu diesem Mann der Schande blicken wir heute hinauf und ehren seine Macht und Herrlichkeit.
Niemand ist ihm vergleichbar. Kein Mensch hat je Ähnliches getan. Von keinem Geist oder Gott wird uns etwas Vergleichbares erzählt. Albrecht von Haller, einer der Grössten von den Gelehrten, die unser Land hervorgebracht hat, schreibt über ihn "Niemals hat ein Mensch geredet wie er, so sagten die ihn selber hörten, so kann ich noch mit Überzeugung sagen, wenn ich seine letzten Reden, ehe er zum Tode ging, gegen alles dasjenige vergleiche, was die Weisen von Griechenland und von China geredet haben." Nie hat jemand einen Weg abgeschritten, wie ihn Jesus gegangen ist: die kurze Zeit mit seinen Jüngern im galiläischen Land, bei den Kranken und Schuldbeladenen, und dann die Jahrhunderte, in denen sein Evangelium seinen Lauf durch die Völkerwelt genommen und die Herzen gewonnen hat, so dass wir bis heute in immer neuen Formen sein Lob singen - und was könnten wir Besseres singen?
II
Sein Friede, schreibt der Apostel Paulus, soll unsere Herzen regieren. Das ist auch der Fall! Sein Friede wohnt tief in unseren Herzen.
Hier auf Erden erleben wir immer wieder den Unfrieden. Die einen sind glücklicher als die anderen, gehen mit mehr Erfolg ihren Weg... und das weckt Neid und Streit. Doch das ist nur hier auf Erden so. Und was auf Erden ist, sagt der Apostel, soll uns nicht weiter umtreiben. Wir sollen nicht trachten nach dem, was unten ist: nicht ein volles Bankkonto oder ein hoher Titel oder die allgemeine Bewunderung soll uns erstrebenswert sein. Wir sollen uns richten nach dem, was oben, was im Himmel ist. Und dort ist Christus, mit den Wunden, die er noch immer trägt von der Schande am Kreuz her. Aber diese Wunden sind jetzt seine Ehre und der Grund dafür, dass wir ihn lieb haben.
Wenn wir zu ihm hinaufschauen, füllen sich unsere Herzen mit Frieden. Wir wissen dann: Gott ist trotz allem gerecht. Er hebt die Niedrigen hinauf zu seiner Zeit. Er ist freundlich: Er gibt denen, die sich mühen, einen Lohn, der viel grösser ist, als sie es verdient hätten. Gott hat Jesus zu sich genommen, er ist barmherzig, wie Jesus barmherzig war, und will auch dich und mich umfangen und zu sich ziehen - nicht weil wir so gute Menschen sind, sondern weil er uns lieb hat.
Das schenkt uns den Frieden: Den Frieden für die vergangenen Jahre und alles, was wir da verpasst haben, aber auch den Frieden für all das, was jetzt uns demütigt und kränkt, und den Frieden, wenn wir angstvoll in die Zukunft schauen und uns fragen: Was wird dort sein? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Jesus steht über der Zeit, er wird auch dort vorne sein und wird uns helfen.
III
Weil wir das wissen, sagt der Apostel, sollen wir "unsere Glieder auf Erden töten". Das ist ernst und hart formuliert. Aber der Apostel hat zweifellos recht: In unserem Wollen und Tun lebt vieles, das es nicht wert ist, dass wir es am Leben erhalten. Habgier und Ehrsucht, Heuchelei und Lüge leben in uns, und diese Regungen sollen wir töten. Jesus hat die höchste Ehre gewonnen nicht mit Intrigen und gierig errafften Gütern, nicht indem er andere verlästert und hinabgedrückt und sich an tote Dinge geklammert hat. Mild und geduldig hat sich Jesus um die Armen in seinem Land gekümmert. Er hat seine Jünger lieb gehabt, obgleich sie so schwer von Begriff waren und so kleingläubig. Und er hat am Ende, als man ihn ans Kreuz gecschlagen hat, gebetet für diejenigen, die ihm diese Qualen bereitet haben, und hat ihnen vergeben.
IV
Darum, meint der Apostel, sollen auch wir einander vergeben und miteinander Geduld haben, und die Liebe soll uns über alles hin zusammenbinden. "Zieht an... herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld...", schreibt Paulus wörtlich. "Anziehen..." sollen wir die guten Eigenschaften, die er nennt. Das klingt zuerst etwas merkwürdig. Aber Paulus will deutlich sagen (und es wäre besser gewesen, man hätte immer darauf geachtet): Den Willen zum Frieden, das Erbarmen und die Liebe haben wir nicht in uns. Es sind nicht Tugenden, die ein Christ erwerben kann und dann in sich trägt. Die Geschichte der Christenheit zeigt deutlich: Die guten Eigenschaften haben auch die Gläubigen nicht einfach in sich. Sie müssen dieses Gute anziehen. Man muss es von aussen über sich streifen. Die guten Eigenschaften sind uns beschrieben und vorgezeichnet... Wir aber müssen in dieses Gute hineinschlüpfen, so dass wir uns besser verhalten als wir sind. Wir sollen Besseres tun, als wir selber sind! Das Gute ist uns vorgegeben, es steht da in Ehren, und der Apostel mahnt uns, diese guten Vorgaben anzuziehen.
V
So regiert der Friede Christi in unseren Herzen. Und dieser Friede, schreibt Bruder Klaus, ist unzerstörbar.
Ein einziges Mal hat der grosse Friedensstifter unseres Landes einen Brief geschrieben, in dem er von sich aus seine Erkenntnisse und Überzeugungen anderen mitteilt. Aus Liebe zu seinem Land und seinen Leuten wollte er einmal in Worte fassen, was er von Gott und den Menschen erkannt hatte. In diesem Brief gibt er nicht simple Rezepte von sich. Die einfache Wahrheit, dass man sich wenn möglich nicht in fremde Händel mischen soll, hat man ihm fünfzig Jahre nach seinem Tod in den Mund gelegt. Niklaus weiss, dass man das Leben nicht mit Prinzipien meistern kann. Die Aussagen, die er selber macht, sind geformt vom Evangelium, und das heisst: Sie sind aufgerissen gegen den Himmel hin, wo nun Jesus ist, offen für das unergründliche Geheimnis der Ewigkeit - und gleichzeitig handfest und praktisch, liebevoll dem alltäglichen Leben der Menschen zugewandt.
Mit seinem Wissen hat Bruder Klaus für unser Land einen Frieden gestiftet, der viele Jahre gehalten und sogar die konfessionelle Spaltung überdauert hat. Das war glücklich gefügt und gar nicht selbstverständlich. Wir wissen viel zu wenig zu schätzen, was unserem Land mit seiner langen Kultur des Friedens gegeben worden ist.
Bruder Klaus selber sagt von diesem Frieden: Er "ist allweg in Gott, denn Gott ist der Fried - und Friede mag nicht zerstört werden".
Jesus ist bei Gott. Das kann niemand mehr ändern. Keine Macht kann mehr Jesus von Gott trennen. Und wenn unser Denken und Sehnen bei Jesus ist, haben auch wir bei Gott eine Heimat, die niemand zerstören kann, und leben in einem Einklang, in den kein schriller Ton mehr dringt.
Hier unten auf Erden ist das nicht so. Schon nur im Treppenhaus gibt es schnell einmal Streit. Darum sagt die traurige Volksweisheit: Man muss sich möglichst aus dem Weg gehen, darf sich nicht zu nahe kommen, sonst ist es rasch einmal vorbei mit dem Frieden. Darum pflegen wir gern eine vorsichtig reservierte Distanz. In unserer Stadt leben im Durchschnitt 1,7 Personen in einem Haushalt zusammen. Das macht es leicht, Frieden zu halten: Wenn man für sich in seinen vier Wänden lebt und sich nur trifft, wo man einander das Sonntagsgesicht zeigen kann, muss man sich nicht aneinander reiben. Wo man sich aber nahe kommt, bringt das immer auch schmerzliche Erfahrungen mit sich: Freundschaften zerbrechen, das Vertrauen im Arbeitsverhältnis wird missbraucht und aufgekündigt, sogar die Liebe in der Ehe kann austrocknen und zerspringen... Hier auf Erden wird der Friede dauernd wieder zerstört. Wie angstvoll das ist, wenn es auch im Politischen geschieht, das wissen die Menschen in der Stadt Belfast, aus der die jungen Sänger kommen, die heute im Gottesdienst singen, aus bitterer Erfahrung. Und sie sind gewiss nicht schlechtere Menschen als wir.
Aber das andere dürfen sie und dürfen wir heute auch erleben, wenn wir miteinander das Lob Gottes singen. Das steigt hinauf, hoch über die Mauern, die uns scheiden. Der Friede, der im Einklang mit Gott besteht, kann nicht zerstört werden.
VI
Von diesem Frieden, schreibt Bruder Klaus, können wir etwas festhalten für unseren Lebensalltag, wenn wir uns mahnen lassen von Gott. Bruder Klaus nennt verschiedene Mittel und Wege dazu.
Als erstes fordert er die Gerechtigkeit - und zwar nicht die Gerechtigkeit, die jedem das Seine oder jedem das Gleiche gibt, sondern die biblische, die Gerechtigkeit Gottes. Sie bewährt sich in der Art und Weise, wie eine Gemeinschaft mit den Schutzlosen und Schwachen umgeht. Wenn wir Jesus verehren, können wir nicht die Geringen gering achten, und können nicht gleichgültig über das Schicksal der Armen hinweggehen. "Die Witwen und Waisen", schreibt Bruder Klaus in seiner Zeit, muss man beschirmen, wenn der Friede Gottes in einer Gemeinschaft gegenwärtig sein soll. Das heisst aber für uns heute: Es ist nicht damit getan, dass man alle paar Jahre mit einer AHV-Revision dafür sorgt, dass genügend viel Geld ausbezahlt wird. Wir müssen auch Sorge tragen, dass in unseren Heimen und Spitälern nicht die Liebe erstirbt in den administrativen Zwängen, und dass die Menschen in einfachen Verhältnissen nicht entleert und haltlos werden in der Überfülle der Möglichkeiten.
Das Zweite, das Bruder Klaus anspricht, entspricht dem letzten, kurzen Wort des Apostels: "Seid dankbar". Wir dürfen das Gute nicht selbstverständlich nehmen. Wenn wir den Wohlstand und all seine Möglichkeiten nehmen als eine Gabe, die wir nicht selber verdient haben, wenn uns dieses Gute ein Geschenk ist, für das wir danken, dann macht es uns nicht nur für einen Moment lang glücklich, sondern es wird zu einem Reichtum, der bei Gott sein Recht und seine Fülle hat. Dann treibt uns nicht mehr die Angst, dass alles so schnell vergeht, und wir nicht immer noch mehr, sondern wir können auch einmal genug haben und zufrieden sein - wir können den Frieden haben auch für das Glück!
Das Dritte, das Bruder Klaus anspricht, klingt für uns heute wohl zuerst etwas fremd. "Den offenen Sünden soll man wehren." Er will sagen: Es gibt viele verborgene Sünden. Was in den Herzen sein Unwesen treibt, oft hinter einer scheinbar sehr anständigen, sogar frommen Fassade, ist vielleicht viel schlimmer als alles, was man Schandbares zu sehen bekommt. Aber gegen die Sünde des Herzens muss jeder für sich ankämpfen, und niemand kann und darf ein Urteil über den anderen fällen. Aber wenn das Böse sich öffentlich zeigt, ist die Gemeinschaft gefragt. Alle sind davon betroffen! Denn, wir erinnern uns: Wir haben das Gute nicht einfach in uns. Wir sind nicht innerlich so stark, dass wir unberührt bleiben, wenn wir aufgereizt werden von schändlichen Leidenschaften. Wir sind nicht von uns aus sanftmütig und bereit zu vergeben. Wir sind darauf angewiesen, dass die guten Eigenschaften allgemein in Achtung stehen, so dass wir in sie hineinschlüpfen können. Darum muss man den offenen Sünden widerstehen. Abschaffen kann man die Sünden nicht und soll es nicht versuchen. Aber sie zurückdrängen - das muss man, damit das Leben seine Ehre behält und die guten Tugenden uns umgeben, so dass wir sie überstreifen können.
Hoch über uns, hinausgenommen aus der Zeit und ihren Schmerzen, erhöht über alles, das wir mit unseren Gedanken und Gefühlen je erreichen, dort, in der unsichtbaren Gegenwart Gottes, ist Jesus. Und mit ihm sind alle unsere gerechten Wünsche, alle unsere guten Werke bei Gott angekommen. Er kennt sie und nimmt sie auf; und nichts kann uns mehr diese Heimat rauben. Der Friede in Gott wird niemals zerstört. Zu ihm hin wollen auch wir mit unseren Gedanken und Wünschen uns drängen. An seinen Tisch wollen wir uns jetzt wieder ziehen lassen. Amen.
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