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"Die Weisheit von oben"
Predigt aus Jakobus 3,4 - 18
im Gottesdienst am Sonntag Kantate, 13. Mai 2001,
im Basler Münster
In der Reihe "Von Liebe wegen":
Bruder Klaus schreibt an den Rat von Bern
Lesung Matthäus 11,7 - 19
Pfr. Dr. Bernhard Rothen
Siehe: auch die Schiffe, die so gross sind und von mächtigen Winden getrieben werden:
Sie werden doch vom kleinsten Steuerruder in eine andere Richtung geführt,
wohin der Wille des Lenkers will.
So ist auch die Zunge ein kleines Glied und kann sich grosser Dinge rühmen.
Siehe: ein kleines Feuer - einen grossen Wald zündet es an!
Auch die Zunge ist ein Feuer:
Die Welt des Unrechts ist die Zunge, inmitten unserer Glieder gesetzt,
sie beschmutzt den ganzen Leib und setzt den Lauf der Schöpfung in Brand,
und ist selber vom Gehenna in Brand gesetzt ist.
Denn jede Natur, von Tieren und von dem, was fliegt,
vom Gewürm und von dem, was im Meer ist,
wird unterworfen und ist unterworfen der menschlichen Natur.
Die Zunge aber kann sich keiner der Menschen unterwerfen,
unruhig böse, voll tödlichen Gifts.
Mit ihr loben wir den Herrn und Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen,
die nach dem Bilde Gottes geschaffen sind.
Aus dem gleichen Mund kommt Segen und Fluch.
Es ist nicht gut, meine Brüder, dass dies so geschieht.
Bringt etwa die Quelle aus derselben Öffnung das süsse und das bittere Wasser?
Kann, meine Brüder, ein Feigenbaum Oliven bringen oder ein Weinstock Feigen?
Eine salzige Quelle bringt nicht süsses Wasser. -
Wer ist weise und verständig unter euch?
Der soll aus seinem guten Wandel seine Werke in weiser Sanftmut zeigen.
Wenn ihr aber bitteren Eifer habt und Streit in euren Herzen,
dann überhebt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit.
Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern eine irdische, seelische, dämonische.
Denn wo Eifer und Streit ist, da ist Verwirrung und jedes schlechte Werk.
Die Weisheit von oben hingegen ist zuerst heilig,
danach friedfertig, anständig, gut zu überzeugen,
voll Erbarmen und guter Früchte, ohne Zwiespalt, ohne Heuchelei.
Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird in Frieden gesät
für diejenigen, die Frieden stiften
Jakobus 3,4-18
I
Liebe Gemeinde!
Jesus hat seinen Gesprächspartnern vorgeworfen, dass sie sich unvernünftig benehmen. Wie Kinder sind sie, sagt er, die spielen und meinen, die Wirklichkeit müsse sich nach ihren Vorstellungen richten (Matthäus 11,17). Johannes der Täufer ist als ein strenger Bussprediger aufgetreten - und die Menschen beklagen sich, dass er nicht mittanzt, wenn sie lustig sein wollen. Dann aber ist Jesus gekommen und hat die schuldbeladenen Menschen ohne jeden Unterschied zu sich gerufen, hat mit ihnen gegessen und getrunken und ihnen seine ganze Liebe geschenkt. Da beklagen sich die Menschen, dass er seine Güte so unterschiedslos an alle verschenkt, so dass es scheinbar gar keine Rolle mehr spielt, wie jemand lebt. Die Menschen, sagt Jesus, sind unverständig. Sie meinen, Gott müsse sich richten nach dem, was sie ihm vorgeben. Aber Gott hat viel höhere Absichten, und viel bessere Mittel, wie er seine Ziele erreicht. Er hat sein Werk getan und tut es weiterhin erfolgreich durch das Busswort des Täufers und durch die Gnade, die Jesus Christus zu einer greifbaren Wirklichkeit gemacht hat. Gottes Weisheit hat ihren Ort und ihre Zeit, sie tut das Richtige auf rechte Weise und greift darum wirksam in das Leben ein und erreicht, was sie erreichen will. Die Weisheit Gottes, sagt Jesus, ist gerechtfertigt durch ihre Werke.
II
Auch Niklaus von Flüe hat in seinem Brief die Weisheit gerühmt. Sie ist das Allerliebst, sagt er, weil sie alle Dinge zum Besten anfängt. Jakobus wiederum unterscheidet in seinem Brief die Weisheit von oben von einer anderen, von einer Weisheit, die irdisch, psychisch, ja, sogar dämonisch sei, wie er sagt. Über die irdische Weisheit sagt er etwas Ähnliches wie das, was Jesus von den kindischen Kindern sagt. Die falsche Weisheit stellt sich nicht der Wirklichkeit. Sie sucht die Harmonie und setzt die geistigen Fähigkeiten ein, um möglichst alles auszugleichen und die Spannungen zuzudecken. Jakobus schreibt: Wenn ihr bitteren Eifer habt und Streit, dann macht nicht alles noch schlimmer und tut so, als ob dies nicht der Fall sei. "Überhebt euch nicht", schreibt er. Wörtlich heisst es im Griechischen: Rühmt euch nicht im Gegensatz zu dem, was der Fall ist. Jakobus schreibt an eine Gemeinde, die rechtschaffen und fromm sein will. Aber er weiss: Unter der Decke der Frömmigkeit gibt es rasch einmal Bitteres, und vieles, das Streit und Hader hervorruft. Das ist so, und es ist nicht gut so - aber es wird noch schlimmer, wenn man es zudeckt und mit schönen Worten beteuert, wie einig und nur auf Gottes Ehre bedacht doch alle zusammen seien. Das, sagt Jakobus, sei eine selber gemachte Weisheit, aus der nur ein dämonischer Friede Wirklichkeit wird.
Im Gegensatz dazu tut die wahre, die Weisheit von oben ihr gutes Werk im Stillen. Die wahre Weisheit muss nicht mit vielen Worten betonen, wie friedfertig und gut sie ist. Sie ist es! Sie zeigt ihre Werke nicht mit Worten an, sondern in einem alltäglich sanftmütigen Verhalten. Die wirklich guten Werke, mit denen unsere Mütter uns das Leben geschenkt und liebenswert gemacht haben, können wir nicht mit einem Muttertag abgelten. Solche wirklich guten Werke bleiben verborgen. Nur der Glaube sieht sie und sagt jeden Tag wieder Gott Dank dafür!
Die wahre Weisheit zeigt sich im Lebenswandel, ohne Worte - aber sie hat in ihrem Inneren doch auch eine ganz bestimmte Rangordnung, die man mit Worten klar benennen kann. Die Weisheit ist zuerst heilig, schreibt Jakobus. Und dann ist sie menschlich korrekt und hat Mitleid und erweist sich als fähig zum Gespräch und hat andere solche angenehmen Eigenschaften. Diese Reihenfolge ist wichtig! Jakobus betont sie mit ausdrücklichen Worten: Zuerst die Heiligkeit, dann ein menschlich anständiges und freundliches Verhalten. Zuerst die bedingungslose Liebe in der Gemeinschaft mit Gott, dann die kritische Liebe zum Mitmenschen!
III
Zuerst ist die Weisheit heilig! Wir haben vielleicht Mühe mit diesem Wort. In unserer Zeit kann es manchmal scheinen, als ob nichts mehr heilig sei. Aber so war es, wenn wir nüchtern sind, zu allen Zeiten. Alles kann und muss man kritisieren. Auch die Menschen in den höchsten Ämtern haben es nötig, dass man sie in Frage stellt. Alles kann man zu einem Thema der Fasnacht machen und es berechtigt dem Spott aussetzen. Nichts ist heilig.
So ist es - und doch wissen wir: Kein Volk hat bisher überlebt, wenn ihm nicht etwas heilig war. Kein Leben kann seine Würde bewahren, wenn es nicht eingebettet wird in einen höheren Glanz, der unantastbar dasteht und über alles hoch geachtet wird.
Was aber kann uns heilig sein?
Alles wird geheiligt durch das Wort und das Gebet, heisst es im 1.Timotheusbrief (4,5). Unser Denken, Fühlen und Wollen wird nicht heilig, wenn wir uns anstrengen und besser sein wollen. Daraus kommt nur neue Heuchelei, sagt Jakobus. Heilig wird unser Leben, wenn wir beten um die Vergebung, wenn Gottes Wort uns erfüllt mit Vertrauen, Frieden und fröhlicher Zuversicht. Damit dies aber möglich wird, muss zuerst etwas ausserhalb von uns heilig sein. Gott hat uns dieses Heilige gegeben, sagt der Apostel. Dinge, die man nicht ungestraft antasten darf. Das Gebet, das uns Jesus gelehrt hat mit dem Unservater, darf man nicht verändern und verspotten. Abendmahl und Taufe sind heilige Handlungen, die ausdrücklich im Namen von Jesus getan werden und die man deshalb nicht nur pro forma vollziehen und für sich missbrauchen darf. Der Sonntagsgottesdienst gehört Gott, nichts darf in dieser Stunde ihm seinen Platz streitig machen. Die Bibel nennen wir die heilige Schrift und bekennen damit, dass wir ihre Worte nicht antasten dürfen. Was sie Übermächtiges sagt, dürfen wir nicht verflachen, was uns an ihnen unbequemen ist, dürfen wir nicht in einem Wortschwall zudecken und wegrelativieren. Das Wort Gottes und das Gebet ist heilig und leitet auch unser Denken und Wollen in die Heiligkeit der rechten Weisheit. In diesem Sinn ist der Reformator Martin Luther damals in Worms vor dem Kaiser gestanden und hat gesagt: Ich lasse mich noch so gerne überzeugen, ich passe mich gerne an und beuge mich und küsse dem Papst die Füsse - nur eines darf ich nicht: Die Bibel verleugnen, ihre Worte preisgeben und mich abkehren von dem, was sie mir offenbart hat.
Das ist der erste Schritt der Weisheit: Sie ist zuerst heilig, schreibt Jakobus. Sie kommt aus dem Gotteswort: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit, heisst es im Buch der Sprüche (9,10).
IV
Dann aber ist die Weisheit beweglich und lässt gern mit sich reden. Sie sucht den Frieden und Ausgleich. Die Weisheit tut die Augen auf und sieht die unterschiedlichen Menschen mit ihren Schwächen und Gaben, sie legt das Fragwürdige zum Guten aus und ist bereit, selber den grösseren Teil zu tragen. Sie achtet die Grenzen von Sitte und Anstand, sie kümmert sich um die altüberlieferten Rechte und die aktuellen Bedürfnisse; noch bevor die Schwierigkeiten da sind, sieht die Weisheit sie kommen und kann sie mit beweglichen Lösungen überwinden. Die Weisheit fängt alles zum Besten an, rühmt Bruder Klaus. Die Weisheit muss auch nicht zudecken, das Vieles noch nicht gut ist. Sie rechnet damit, dass Konflikte aufbrechen und manches Böse sich nicht vermeiden lässt. Darum ist die Demokratie eine gute Form für das Zusammenleben im Grossen. Es dürfen sich Parteien mit unterschiedlichen Meinungen etablieren, man darf um seine Rechte kämpfen und hat Regeln und zivilisierte Ordnungen, wie Konflikte ausgetragen und entschieden werden, und muss nicht alles unter dem Schein einer allgemeinen Einheit zudecken. Bruder Klaus selber hat mit viel Weisheit zu seiner Zeit den Frieden zwischen Stadt und Land vermittelt. Dazu haben damals ein paar gute Worte nicht gereicht. Er musste sehr konkrete Vorschläge unterbreiten, wer was dem anderen zugestehen und abverlangen müsse. Nur durch eine sehr praktische, lebensnahe Ausrichtung konnte sein mahnendes Wort den endlichen Erfolg haben.
Die Weisheit achtet auch die äusseren Formen. Was äusserlich ist, ist nicht nur eine Formsache. Die Formen schützen vielmehr das Leben, sie setzen den Frechen Schranken und bringen die Würde des Lebens zum stillen Leuchten. Wenn eine Mutter den Tisch liebevoll deckt, wenn sie ihre Kinder mahnt, dass sie nicht fluchen sollen... Solche Kleinigkeiten sind nichts Kleinliches! Es sind Werke der Liebe. Sie geben dem Leben ein glückliches Beginnen und ein Ende im Frieden. Gewiss: Diese Äusserlichkeiten darf man nicht humorlos durchsetzen. Das Leben wird nicht geheiligt durch Formen. Es wird geheiligt durch das Gebet! Aber etwas von diesem Inneren darf und soll sich zeigen im alltäglichen Leben. So jedenfalls erbittet es Jakobus von seiner Gemeinde.
V
Eines, betont Jakobus, ist nötig, damit die Weisheit von oben uns erfüllt. Jakobus stellt es uns mit zwei unvergesslichen Bildern vor Augen. Ein grosses Schiff, schreibt er, wird mitten in den stürmischen Winden des Meeres doch von dem kleinen Steuerruder gelenkt, wie der Steuermann will. Und ein gewaltig grosser Wald kann von einem kleinen Holzspan in Brand gesteckt werden. So, sagt Jakobus, ist es mit unserer Zunge. Wir werden in unserem Leben gelenkt, und es können feurige Leidenschaften entfacht werden durch die Macht des Wortes. Was wir reden, ist nicht "Schall und Rauch"! Im Gegenteil. Das Wort, die Sprache, die Zunge ist die alles entscheidende Macht im Leben! Je nach dem, wie und was wir reden und auf welche Worte wir hören, nimmt unser Leben seinen Lauf.
Um es beispielhaft zu sagen: Wir können mit vielen oder mit wenigen Worten uns selber oder andere loben wegen guter menschlicher Eigenschaften. Dann werden wir selber eingebildet und hochmütig, oder aber wir sind immer wieder niedergeschlagen und bedrückt, weil wir nicht so menschlich gut sind wie diejenigen, die wir mit unseren Worten hinaufheben. Wir können aber auch verständnisvoll alles relativieren und bei jedem Ding immer noch ein Problem sehen... Dann sind unsere Worte und Gedanken sehr ausgeglichen und gediegen, unsere Haltung bleibt in makelloser Distanz - aber es wird auch alles gleich-gültig, nichts fordert uns wirklich hinaus, und am Ende müssen wir konstatieren, dass unser Leben keine Frucht gebracht hat.
Wir können es aber auch halten, wie die Bibel es uns vorzeichnet. Wir können Gott loben und sagen und singen von seiner Gnade. Da werden wir froh und schöpfen Zuversicht und haben Geduld! Und wir können klagen über unsere eigenen Sünden (Klagelieder 3,39). Dann werden wir auf eine gute Weise bescheiden und nüchtern. Und wir sehen dann jeden Tag wieder das Gute, das der Schöpfer uns trotz allem schenkt, und nehmen es nicht selbstverständlich, sondern freuen uns von Herzen darüber!
Was wir reden, und wie wir reden, ist entscheidend für den Weg, den das Schiff unseres Lebens nimmt in den Winden der Zeit. Die Zunge ist das Ruder! Sie ist der glühende Span, der alles in Brand stecken kann. So mahnt Jakobus. Die Weisheit aber, die alles zum Besten anfängt, kommt von Gott. Sie ist zuerst heilig, und hat vor allem anderen Respekt vor dem, das alles heilig macht: Gottes Wort. Dann aber tut die Weisheit die Augen auf und sieht die Aufgaben, die nahe zur Hand liegen und die getrost getan sein wollen.
Möge darum das Wort Gottes auch unsere Herzen wieder erfüllen und begaben mit der rechten Weisheit, dass wir - jedes an seinem Platz - in dieser Woche jetzt alles so angehen können, dass es für uns und für viele andere zum Besten dient. Amen.
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