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"Der Tod des Herrn"


Predigt
aus 1. Korinther 11,26
im Abendmahlsgottesdienst
am Karfreitag, 13. April 2001,
im Basler Münster

(In der Reihe "Von Liebe wegen":
Bruder Klaus schreibt an den Rat von Bern)

Lesung der Passionsgeschichte nach Markus (Markus 14 und 15)

Pfr. Dr. Bernhard Rothen


Denn sooft ihr dieses Brot esst und diesen Kelch trinkt,
verkündet ihr den Tod des Herrn, bis dass er kommt.
1. Korinther 11,26


I

Liebe Gemeinde!
Überall auf dem weiten Erdkreis versammeln sich an diesem Tag wieder die Gemeinden, und tausende und abertausende von Menschen essen von dem Brot, und trinken von dem Kelch, der ihnen im Auftrag von Jesus Christus gereicht wird. In hunderten von Sprachen, in unvorstellbar verschiedenen Lebenssituationen: am Rand von einem Elendsquartier in Mexiko, in einem Hochhaus in Hongkong, bei den Lappen in der Tundra und irgendwo in einer uralten koptischen Kirche am Nil - unzählige! Von aussen gesehen handelt es sich um die am schnellsten wachsende Religion auf der Welt. Täglich steigt die Zahl ihrer Anhänger. Nur hier im alten, ein bisschen dekadenten Europa scheint es anders. Aber auch hier, wenn man aufmerksam ist: unter den wachen, hellhörigen jungen Menschen wächst der Wunsch, dass sie für etwas anderes noch leben können als nur für einen weiteren Fortschritt. Und so kommen auch viele von ihnen und essen und trinken von dem Brot und dem Kelch. Von aussen gesehen ist es die am schnellsten wachsende Weltreligion. Von innen gesehen, das wissen wir, ist es viel mehr: es ist die Gnade des einen, wahren Gottes, der uns aus unseren kleinen Ideen hinausführt in die Fülle des Lebens, in den Frieden, der das Erste war und der das Letzte sein wird, wenn die Zeit an ihr Ende kommt.
Wo immer aber Menschen sich sammeln und essen und trinken, was ihnen Jesus gelassen hat, da verkündigen sie etwas Unerhörtes: eine Wahrheit, die tief verborgen ist, und die man doch überall sehen kann, wenn man sie nur sehen will. Ihr verkündigt, schreibt Paulus, so oft ihr esst und trinkt von diesem Brot und aus diesem Kelch, den Tod des Herrn.

II

Es ist einer der Herr. Die Welt ist kein Zufallsprodukt. Sie ist erschaffen und schön geordnet. Es dient eines dem andern und alles miteinander beugt sich einem übermächtig grossen Willen. Die Welt hat einen Herrn. Darum muss sich in allem, was lebt, immer wieder eine bestimmte Herrschaftsordnung durchsetzen. Es ist oft ein Kampf. Aber in den Tierherden zum Beispiel muss schliesslich wieder eines der Tiere die Leitung übernehmen; und im Wald müssen hochstämmige Bäume und niedriges Gewächs gegenseitig ihren Lebensraum behaupten. Und auch wir Menschen müssen in unserem Alltag herrschen. Es kostet oft viel Mühe: im Kühlschrank, in der Garderobe, auf dem Schreibtisch - überall will sich das Chaos breitmachen, und es braucht Kraft, den Dingen unseren Willen aufzuzwingen und sie zu beherrschen. So ist es auch im Zwischenmenschlichen: in einem Arbeitsteam, unter den Kollegen... immer wieder muss sich der gemeinsame Wille bilden und es stellt sich die Frage, wer in welcher Weise die Leitung übernimmt. Wohlverstanden: Es müssen nicht immer die gleichen herrschen. Aber auf diese oder andere Art muss jemand herrschen.
Wir haben das in den letzten Jahren oft nicht wahrhaben wollen. Mit wohlklingenden Worten von "Gleichberechtigung" und "Freiheit" haben wir diese Tatsache für uns selber verdeckt. Niemand sollte mehr herrschen. Aber das führt rasch zur Heuchelei, und zu unwürdigen Formen, wie man manipuliert. Ein Mann, der in seinem Beruf viel Führungsverantwortung trägt, hat mir einmal gesagt: Wir müssen die Autorität von früher heute ersetzen mit psychologischen Gruppenprozessen; man muss vieles inszenieren, um den Schein einer allgemeinen Mitbestimmung aufzubauen. Im Grunde steht schon am Anfang fest, was beschlossen werden muss. Aber es braucht die sanften Spiele, damit alle zufrieden sind...
Das Bedenkliche dabei, liebe Gemeinde, und für mein Empfinden das Unwürdige: So wird eine Herrschaft ausgeübt, aber sie wird verschleiert, und niemand klärt, wer mit welchen Rechten was bestimmen darf. Die Entscheidungen haben kein Gesicht mehr. Statt vor Titeln und Würden beugen wir uns vor gruppendynamischen Zwängen und psychologischen Theorien und ihren Vertretern.

III

So scheint es mir oft. Aber ich muss diese Polemik korrigieren. Denn auf eine Art ist es richtig, wenn wir uns sehnen nach einer herrschaftsfreien Welt. Es ist richtig, weil der Karfreitag da ist und sein Geheimnis. Nur haben wir aus diesem innersten Geheimnis der Welt in den letzten Jahrzehnten ein allgemeines Prinzip gemacht. Wir haben die verborgene Wahrheit des Lebens verflacht zu einem schlussendlich zu nichts verpflichtenden Verhaltensmuster.
Was wir im Grunde aber Gutes suchen, wenn wir keine Herrschaft ausüben möchten, ist etwas anderes. Es ist das Grosse, von dem der Apostel Paulus schreibt, es ist das, was wir verkünden, so oft wir essen und trinken von dem Brot und dem Kelch: Es ist "der Tod - des Herrn"!
Die Welt und wir Menschen haben einen Herrn. Doch dieser Herr hat seine Herrschaft nicht durchgesetzt mit äusserer Macht. Er ist nicht hoch über allem geblieben und hat vom Thron seiner Herrlichkeit her befohlen und angeordnet, was er getan haben wollte. Er ist kein selbstherrlich distanzierter Herrscher. Er ist selber gekommen, hat sich hineingegeben in die Nöte der Zeit und gemein gemacht mit den Menschen, er ist uns voraus gegangen in die Angst und Ohnmacht, er hat gelitten und ist gestorben. Er ist den Weg des Opfers gegangen, hat sich selber hineingegeben in Schande, Schwachheit und Schmach.
Er hat seine Herrschaft aufgerichtet nicht so, dass er allen gezeigt hat, wer der Chef ist. Er hat seine Gegner nicht gezwungen, sich vor ihm zu demütigen; er hat sich selber demütigen lassen. Er hat nicht alle anderen zum Schweigen gebracht; er hat nur (mit bescheidenen Worten) gesagt, wie es ist, und dann ist er verstummt. Er hat nicht Ordnung gemacht, sondern hat die Unordnung eines ungerechten Urteils erduldet. -
Er ist der Herr: Jesus, der nicht mit einem überzeugenden Charisma seine Jünger bei sich behalten hat, sondern der es hat geschehen lassen, dass die Jünger angstvoll verstört ihn im Stich gelassen haben. Der Herr der Welt ist äusserlich ein Versager. Er hat sich nicht die Kaiserkrone in Rom geholt, sondern ist von einer rohen Soldatenhorde verspottet mit einem Dornengestrüpp gekrönt worden. Seine Herrlichkeit hat sich überwältigend gross gezeigt, als er am Kreuz mit einem lauten Schrei gestorben ist. Da hat der Hauptmann ergriffen gesagt: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!
Er will herrschen - aber nicht mit äusserer Macht, sondern mit der Kraft der Liebe und des Erbarmens. Seinen Tod verkünden wir, sooft wir essen und trinken von dem Brot und dem Kelch, die er uns zurückgelassen hat. Die Welt hat einen Herrn, hoch über allem! Aber dieser Herr ist gestorben.
Darum, liebe Gemeinde, hat das Leben einen so hohen Preis. Darum müssen die Samenkörner aufbrechen und zerfallen, bevor sie ihre Frucht geben. Die Muttertiere müssen leiden, wenn sie das Leben weitergeben, und auch unter uns Menschen darf noch viel Unrechtes und Böses geschehen. Oft leiden die Guten, und diejenigen, die satt und selbstzufrieden sind, machen sich breit und schauen verächtlich hinab auf diejenigen, die sich mühen. Dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht, hat diesen tiefsten Grund: Ihr Herr ist den Weg des Leidens gegangen.
Darum, schreibt Bruder Klaus in dem Brief, der uns in diesem Jubiläumsjahr hier im Münster so intensiv begleitet, tragen auch wir das Leiden Gottes in unseren Herzen. Wir wollen am liebsten nichts mit äusserer Macht erzwingen. Wir möchten niemand Gewalt antun, möchten nichts mit listigen Massnahmen manipulieren. Wir vertrauen auf die Kraft der Liebe, möchten die Herzen gewinnen mit Respekt und Erbarmen; wir möchten, dass uns eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern geschickt wird. Darum vertrauen wir auf die Wahrheit, die ihre Kraft in sich selber hat, und glauben, dass Recht und Ordnung sich ohne gewalttätige Massnahmen durchsetzen - non vi, sed verbo.

IV

Und das ist zutiefst richtig. Denn wir verkünden den Tod des Herrn. Er hat nicht herrschen, er hat dienen und sich selber schenken wollen.
Das ist richtig, liebe Gemeinde, aber wie so oft: Es ist eine Spur zu richtig, zu allgemein, es wird zu einem durchsichtigen Gedanken, und bald einmal zu einer handlichen Wahrheit - und darum wieder grundfalsch. Denn der Apostel sagt: Ihr verkündet seinen Tod - bis dass er kommt!
Der Herr der Welt ist gestorben. Aber er wird kommen und wird richten. Er ist nicht grundsätzlich gegen alle Gewalt, weil Gewalt etwas in sich Böses wäre. Nein, er hat Macht gehabt und wird wieder die Macht ergreifen. Und er wird schliesslich mit einem letzten Richterspruch entscheiden über die ewige Zukunft von jedem Menschen, von jeder Familie, jedem Volk. Es wird ein machtvolles Urteil sein, das er spricht, niemand wird sich dagegen auflehnen können. Und dann, meint Paulus, wird endlich alles gut sein. Dann endlich werden nicht mehr die Frechen triumphieren und die Gerechten stöhnen. Dann wird der Herr seine gute Herrschaft ausüben zum Wohl von allen, die geglaubt, gehofft und geliebt haben.
Deshalb dürfen auch wir, liebe Gemeinde, die Herrschaft nicht aus der Hand geben, wo sie uns anvertraut ist. Wir dürfen das Feld nicht einfach denen überlassen, die selbstsicher nach der Macht greifen. Hier oder dort, wo es unser Auftrag ist, müssen wir die Verantwortung wahrnehmen und unsere Macht ausüben. Nur wo es um Jesus und den Glauben geht, kann es richtig sein, dass wir auf unser Recht verzichten und wie Jesus sagen: Ich habe zwar die Macht und das Recht. Aber weil Gott es so will, dulde ich das Unrecht und setze meinen Willen nicht durch. Wie Jesus können auch wir auf Rechte verzichten und Unrecht dulden - wenn dadurch der Platz frei wird für ein neues Erbarmen und die Liebe.
Jetzt aber, liebe Gemeinde, wollen wir tun, was Jesus befohlen hat: Wir essen von seinem Brot und trinken aus seinem Kelch und verkünden den Tod des Herrn, bis dass er kommt! Amen.

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