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"Meine Lieben, ich schreibe euch"
Predigt
aus 1. Johannes 2,7 - 11
im Gottesdienst
am 18. März 2001
im Basler Münster
(In der Reihe "Von Liebe wegen":
Bruder Klaus schreibt an den Rat von Bern)
Lesungen: Markus 12,28 - 37, 3. Mose 19,9 - 18
Pfr. Dr. Bernhard Rothen
Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten. Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der HERR, euer Gott. Ihr sollt nicht stehlen noch lügen noch betrügerisch handeln einer mit dem andern. Ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen und den Namen eures Gottes nicht entheiligen; ich bin der HERR. Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen. Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der HERR. Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten. Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben; ich bin der HERR. Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich ladest. Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR. 3. Mose 19,9 - 18
Meine Lieben, ich schreibe euch nicht ein neues Gebot, sondern das alte Gebot, das ihr von Anfang an gehabt habt. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt. Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot, das wahr ist in ihm und in euch; denn die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt. Wer sagt, er sei im Licht, und haßt seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, und durch ihn kommt niemand zu Fall. Wer aber seinen Bruder haßt, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht; denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.1. Johannes 2, 7 - 11
I
Liebe Gemeinde!
Nichts Neues will Johannes schreiben - das alte Gebot will er in Erinnerung rufen. Seit es Menschen gibt, begleitet sie dieses Gebot. Es ist uns auf den Leib geschrieben. Wir haben unser Leben, weil Vater und Mutter sich begehrt und vereint haben. Wir möchten lieben und geliebt werden. Unauslöschlich steht es in unseren Herzen: Nur wenn du geliebt hast, hast du gelebt.
Dieses uralte Gebot schreibt Johannes. Im 3. Buch Mose ist es in unerhört präzise Worte gefasst. Da steht das Gebot der Nächstenliebe, das die meisten auch heute noch kennen. Was aber die meisten nicht wissen: Vorgängig wird mit einfachen Worten gesagt, worin die Liebe zum Nächsten besteht.
Zuerst einmal, sagt das alttestamentliche Gebot, ist die Liebe grosszügig. Beispielhaft fordert das 3.Buch Mose von den Bauern, dass sie das Land nicht abernten bis zum äussersten Ende. Sie dürfen nicht sparsam sein bis zum Geiz, sie sollen keine Nachlese halten. Was auf dem Feld bleibt, soll bleiben, damit die Armen über das Land gehen und für sich sammeln können, was an Früchten und Korn noch da ist. Grossherzig ist die Liebe, nicht kleinlich korrekt und effektiv bis zum Letzten.
Bei uns hat im 2. Weltkrieg begreiflicherweise eine ganze Generation die Sparsamkeit eingeübt. Sorgfältig hat man bis ins Kleinste alles verwertet und streng über Hab und Gut gewacht. Ich erinnere mich gut, wie wir als Schüler ein schlechtes Gewissen hatten, wenn wir auf dem Schulweg die Hand unter dem Zaun hindurchgestreckt und ein paar Zwetschgen aufgelesen haben, die im Feld lagen. "Du sollst nicht stehlen", hatte man uns in der Schule eingeschärft. Das ist im Zusammenhang mit dem Liebesgebot tatsächlich deutlich so gesagt in der Bibel. Was wir als Kinder damals aber nicht zu hören bekamen, war das andere: Die Liebe richtet nicht nur schützende Grenzen für das Eigentum des Mitmenschen auf. Zur Liebe gehört auch, dass sie grosszügig ist. Wenn so viele Früchte reif geworden sind, dass sie am Boden herumliegen, erwartet der Schöpfer, dass der Besitzer auch andere teilhaben lässt an diesem Segen.
Im weiteren, sagt das biblische Liebesgebot mit vielen Beispielen, ist die Liebe sehr bescheiden. Sie tut dem Mitmenschen nichts Böses. Sie stellt einem Blinden nichts in den Weg, sie hat es nicht nötig, die Schadenfreude zu suchen. Sie verleumdet nicht, sie behandelt niemanden unrecht, wenn sie richten muss. Es ist eigentümlich, dass im 3. Buch Mose auf dieses Letztere bezogen ausdrücklich zwei Möglichkeiten erwähnt werden, wie lieblos ein Unrecht getan werden kann: Man kann das Recht verdrehen, weil man die Oberen hochachtet und zu ihren Gunsten entscheidet. Das geschieht oft: Der Filz der Mächtigen: "die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen", sagt der Volksmund. Aber die Bibel nennt realistisch auch die andere Möglichkeit: Man kann Mitleid haben mit den Geringen, kann sich vom Erbarmen leiten lassen, so dass man nur noch die Schwachen schützen will und darum ungerecht richtet. Beides ist lieblos. Die Liebe aber tut nicht Unrecht, weder den Hohen noch den Niedrigen.
Aber wenn wir diese Vorschriften lesen, denken wir vielleicht: Die Liebe besteht doch nicht einfach darin, dass man dieses und jenes nicht tut! Sie besteht doch vor allem darin, dass man aktiv etwas unternimmt für seine Nächsten. Über dem Tisch meiner Grossmutter hing ein Teller, auf dem ein Spruch zu lesen stand, den man auch sonst in bernischen Häusern finden konnte: "Beklage nicht den Morgen, der Müh und Arbeit bringt! Es ist so schön zu sorgen, für Menschen die man liebt." Jahrelang hat die Grossmutter in diesem Sinn von morgens vier Uhr bis elf Uhr nachts für ihre acht Kinder und zwei Pflegkinder gesorgt. Die Liebe ist fleissig und tut viel für den Nächsten!
Das stimmt, liebe Gemeinde. Aber die Bibel sagt das nur eher nebenbei: Im Buch der Sprüche heisst es: "Geh hin zur Ameise, du Fauler" (Sprüche 6,6)! Im zentralen biblischen Liebesgebot aber, auf das sich Jesus bezieht, heisst es nichts von einer möglichst grossen Tätigkeit. Die Bibel misst die Liebe nicht daran, wie viel jemand zu leisten vermag. Für die Bibel sind nicht diejenigen Menschen am liebenswertesten, die am meisten schaffen. Die Liebe zeigt sich vor allem in dem, was man nicht tut! Auch der Apostel Paulus sagt ausdrücklich, dass sich die Liebe in diesem Nichttun erfüllt: "Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses, darum ist sie des Gesetzes Erfüllung" (Römer 13,10). Wir müssen nicht so viel tun, wie wir immer meinen. Denn Gott tut so viel! Es ist genug vorhanden, und es ist alles sehr gut - wenn wir es nicht verderben mit der Sünde.
II
Liebe Gemeinde! Nur an einem Punkt fordert das biblische Liebesgebot, dass wir aktiv werden - an einem für uns eher unerwarteten Punkt. Wir sagen ja gern einmal: Wichtig sind nicht die Worte. Wichtig ist, dass man etwas tut! Nicht schöne Reden sind gefragt, sondern Taten! Das alte, biblische Gebot aber sagt fast umgekehrt: Wichtig sind nicht Aktivitäten. Niemand muss sich überfordern. Aber wichtig ist, dass wir zur rechten Zeit ein rechtes Wort haben für unsere Mitmenschen.
Im alttestamentlichen Liebesgebot heisst es wörtlich: "Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen." Das ist zuerst ein bisschen unerwartet. Wir sollen die Menschen, die uns nahestehen, kritisieren, wenn es nötig ist. Wir sollen ihnen sagen, was sie Ungutes tun. Darin zeigt sich die Liebe.
Der Gedanke ist also: Ich soll den Nächsten lieben wie mich selbst. Ich selber habe es nötig, dass ich mir manchmal mahnend auf die Schultern klopfe und mich selber zurechtweise und in Zucht nehme, dass ich mich aus falschen Begierden zurückrufe. Und so wie mich selber, soll ich auch meinen Nächsten lieben. So selbstkritisch, wie ich mir selber gegenüber sein muss, soll ich auch meinem Nächsten gegenüber sein und ihm den Dienst tun, dass ich ihn hilfreich kritisiere.
Wenn wir die Menschen, die uns nahe sind, nur machen lassen und ihnen alle Freiheit geben, wenn wir stumm bleiben, wenn ein Freund und Nachbar offenkundig einen Irrweg einschlägt, wenn wir nur harmlos freundlich zuschauen, wenn die jungen Menschen sich an gefährliche Illusionen verlieren, und wenn wir kein Wort haben für den Berufskollegen, der moralisch ins Schleudern geraten ist: Das alles ist kein Zeichen der Liebe, sagt die Bibel, das ist nicht, weil wir so gutmütig und tolerant sind, sondern weil wir gleichgültig und kaltherzig nur unsere Seelenruhe und Bequemlichkeit haben wollen. "Du sollst deinen Bruder nicht hassen", sagt das biblische Liebesgebot, und nach seinen Formulierungen zeigt sich der Hass zuerst einmal in der Gleichgültigkeit. Nicht gleichgültig sollen wir sein, sondern uns kümmern um unseren Nächsten. Er soll dir so viel wert sein, sagt das Liebesgebot, dass du ihm ein warnendes Wort gibst, wenn das nötig ist.
Wir müssen sorgfältig achtgeben auf das, was die Bibel sagt. Sie ist realistisch. Sie weiss, wenn man einem Mitmenschen offen entgegentreten und ihm mit deutlichen Worten zu sagen versuchen muss, was man als unrecht ansieht in seinem Tun - das ist schwer und oft sehr unangenehm. Aber wenn man das tut, tut man das andere nicht: Man redet dann nicht hinter dem Rücken über die anderen. Und umgekehrt: Je weniger man offen auf seine Mitmenschen zugeht und ihnen von Angesicht zu Angesicht sagt, was man als Unrecht erachtet, um so mehr werden Vorwürfe, Vorurteile und Verleumdungen hinter vorgehaltener Hand weitergegeben.
Auch das Zweite ist realistisch: Nicht alle Menschen sollen wir lieben, sondern die Nächsten. Nicht alle sollen wir wissen lassen, was wir über sie denken. Sondern die Menschen, an denen wir Anteil nehmen und die wir nach und nach kennenlernen, so dass wir auch etwas von ihren tieferen Nöten verstehen: Diese Menschen sollen wir lieben wie uns selbst. Und auch da gilt: Je mehr wir das tun, je treuer wir sind im Kleinen, je geduldiger und liebevoller wir uns kümmern um die nahen Menschen, um so bescheidener werden wir, um so mehr merken wir, wie kompliziert alles ist, wie hilflos wir selber in vielem sind, und wie wenig wir Grund haben, mit einer besserwisserischen Kritik über alle und alles in der Welt herzuziehen. Und umgekehrt: Je weniger wir uns üben in der grossen und schweren Aufgabe, unsere Nächsten mit helfenden und mahnenden Worte zu begleiten, um so leichter fällt es uns, die Fernsten grossspurig zu kritisieren.
III
"Ich schreibe euch", betont Johannes in seinem Brief immer wieder. "Von Liebe wegen schreibe ich euch mehr", sagt auch Bruder Klaus in seinem Brief. Nach dem Bibelwort ist es der grösste Liebesdienst, den ein Mensch seinen Mitmenschen tun kann, wenn er ein Wort für sie hat, wenn er ihnen etwas zu sagen weiss, das aufklärt, tröstet, frei macht und Mut zur Treue macht. Weil er sein Land und seine Leute liebt, will Bruder Klaus nicht für sich behalten, was er im Laufe der Jahre nach und nach zu verstehen gelernt hat. Er will es seinen Mitbürgern kund tun. Aus Liebe sucht und findet er die wenigen, kargen und doch die so gehaltvollen Worte, die er an die Berner Ratsherren formuliert. Aus Liebe zu unserem Land werden auch wir im Münster in diesem Jubiläumsjahr uns so intensiv diesen Worten zuwenden und unser Möglichstes tun, dass sie in unserer Zeit wieder neu zum Leuchten kommen.
Das alte, einfache Gebot der Liebe schreibt Johannes. Und dann sagt er: Dieses alte Gebot ist jetzt auch ein neues! Es ist neu "in ihm und in euch".
"In ihm": Damit meint er Jesus. Er ist der eine und einzige, der das Gebot der Liebe nicht nur gehört, sondern voll und ganz getan hat. Weil er gekommen ist, bekommt auch das alte Liebesgebot eine neue Qualität. "Die Finsternis vergeht, und das Licht scheint", schreibt Johannes. Durch Jesus leuchtet ein Licht auf, das den wahren Zustand dieser Welt sichtbar macht und aufzeigt, wie es um uns Menschen bestellt ist. Es ist unheimlich: Wer in der Finsternis geht, weiss gar nicht, dass er in der Finsternis ist, schreibt Johannes. Er hat keinen Vergleich, er ist die Finsternis gewohnt und kennt nichts anderes und meint darum, diese Finsternis sei das, was man Licht nennt. Erst wenn das Licht kommt, zeigt sich die Dunkelheit. Erst durch Jesus zeigt sich, wie verloren wir Menschen sind.
Jesus hat treu geliebt. Er hat nichts Böses getan. Armen und den Reichen hat er alles Gute gegönnt. Furchtlos und geduldig hat er das rechte Wort zur rechten Zeit gesprochen. Für diesen Jesus aber gab es keinen Platz unter Sonne. Pilatus hat die Schultern gezuckt und hat den Unschuldigen nicht geschützt, sondern hat schweigend dem Unrecht seinen Lauf gelassen, wie es die Skeptiker zu allen Zeiten tun. Jesus ist mit Dornen gekrönt ans Kreuz geschlagen worden. In all dem hat sich die Finsternis als Finsternis offenbart und das Licht hat zu scheinen begonnen. Es hat sich gezeigt, wie lieblos und selbstgefällig wir Menschen vor uns hinleben, wie gleichgültig uns die Not der anderen ist. Wir waschen die Hände in Unschuld. Solange es uns einigermassen gut geht, kümmert uns das Elend der vielen anderen wenig. Wir fragen nicht intensiv, wo der Heiland der Welt ist - wir wollen nur einen Heiland für uns, und wenn er uns nichts bringt, wollen wir nichts mit ihm zu tun haben. Die Gebildeten kümmert es wenig, wenn die kleinen Leute keine Würde für ihr Leben mehr finden - solange nur oben die Form gewahrt bleibt... Diese innerste Lieblosigkeit ist an Jesus sichtbar geworden, erschreckend.
IV
Das Evangelium macht diese Lieblosigkeit sichtbar, und das führt uns hierher, zur Busse, dass wir mit Reue im Herzen diese Gleichgültigkeit ablegen und darum bitten, dass Gott uns mit seinem Geist und mit einer wahren, brennenden Liebe erfüllt. Das alte Gebot ist neu geworden, schreibt Johannes, in ihm, in Jesus, und in euch! In den Menschen, die hören und lesen, was die Apostel von Jesus schreiben, wird das alte Gebot neu: Es ist keine fremde Forderung mehr. Wir sehen, wie Jesus die Liebe gelebt hat. Wir hören von seinen Ängsten und Schmerzen, wir hören von seinem unfasslichen Sieg am Ostertag. So können wir es glauben: Das Gebot der Liebe ist gut, und es bringt einen unermesslich grossen Lohn. Wir müssen nicht ängstlich darauf achten, dass wir ja keinen Fehler machen. Wir müssen nicht von ferne zuschauen und lieber nichts sagen, wenn die Dinge nahe um uns herum ihren unguten Lauf nehmen. Nein, wir können darauf vertrauen: Gott steht über allem. Auch unsere schwachen und hilflosen Worte kann er segnen, dass sie ans Ziel gelangen, und kann sie leiten, dass sie zum Guten hin wirken. Und vor allem: Er kann und er will und er wird uns vergeben. Wenn wir im Eifer der Liebe hier oder dort über das Ziel hinausschiessen und zu viel und Falsches sagen: Gott will vergeben. Er hat uns geliebt, und darum können auch wir lieben.
So kommen wir in das Licht der Liebe. Wir können uns herzlich freuen an dem, was wir Gutes haben und es grosszügig mit anderen teilen. Wir müssen nicht schadenfreudig andere beneiden und schlecht machen. Und wir können unseren Mitmenschen den Dienst der Liebe tun, der grösser ist als alle anderen: Jedes an seinem Platz, jedes so, wie es ihm gegeben ist, die einen sehr einfach und vorsichtig, andere differenziert, präzis und scharf - jedes können wir unserem Nächsten das Wort geben, das ihm mahnend zu Hilfe kommt.
Die Finsternis vergeht, das Licht scheint, schreibt Johannes. Das alte Gebot ist neu geworden. Die Liebe kann ihr wunderbares Werk tun, so bescheiden und so unbegreiflich wie dieses Werk ist. Amen.
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