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Predigt
aus Philemon 8 - 21
im Taufgottesdienst
am 18. Februar 2001
im Basler Münster

(In der Reihe "Von Liebe wegen":
Bruder Klaus schreibt an den Rat von Bern)

Lesung: Johannes 15,9 - 17

Pfr. Dr. Bernhard Rothen



Darum, obwohl ich in Christus volle Freiheit habe, dir zu gebieten, was sich gebührt, will ich um der Liebe willen doch nur bitten, so wie ich bin: Paulus, ein alter Mann, nun aber auch ein Gefangener Christi Jesu. So bitte ich dich für meinen Sohn Onesimus, den ich gezeugt habe in der Gefangenschaft, der dir früher unnütz war, jetzt aber dir und mir sehr nützlich ist. Den sende ich dir wieder zurück und damit mein eigenes Herz. Ich wollte ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner Statt diene in der Gefangenschaft, um des Evangeliums willen. Aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, damit das Gute dir nicht abgenötigt wäre, sondern freiwillig geschehe. Denn vielleicht war er darum eine Zeitlang von dir getrennt, damit du ihn auf ewig wieder hättest, nun nicht mehr als einen Sklaven, sondern als einen, der mehr ist als ein Sklave: ein geliebter Bruder, besonders für mich, wieviel mehr aber für dich, sowohl im leiblichen Leben wie auch in dem Herrn. Wenn du mich nun für deinen Freund hältst, so nimm ihn auf wie mich selbst. Wenn er aber dir Schaden angetan hat oder etwas schuldig ist, das rechne mir an. Ich, Paulus, schreibe es mit eigener Hand: Ich will's bezahlen; ich schweige davon, daß du dich selbst mir schuldig bist. Ja, lieber Bruder, gönne mir, daß ich mich an dir erfreue in dem Herrn; erquicke mein Herz in Christus. Im Vertrauen auf deinen Gehorsam schreibe ich dir; denn ich weiß, du wirst mehr tun, als ich sage (Philemon 8 - 21).


Liebe Gemeinde!
Heute dürfen wir miteinander eines der schönsten Worte im Neuen Testament teilen. Wir dürfen hören, wie der Name von Jesus in das zwischenmenschliche Leben Würde und Freiheit bringt, einen äusseren Halt und eine herzliche Liebe.

I

Der Apostel Paulus ist ein alter Mann geworden, und zu allem hinzu ist er jetzt auch noch gefangen, wahrscheinlich im Hausarrest. Er ist gedemütigt, müde, er ist alt - aber nicht bitter! Im Gegenteil: eine herzliche Liebe beseelt den alten Mann. Gedämpft, im Ton gebrochen, aber innig, glühend, geduldig lebt in ihm die Liebe. Selig, wer so alt werden darf!
Jetzt schreibt Paulus einen privaten Brief an einen Mann mit Namen Philemon. Dieser Philemon lebt in Kolossä, in der heutigen Türkei. Wahrscheinlich war er ein recht begüteter Mann. Jedenfalls hatte er ein Haus, in dem sich eine kleine Gemeinde sammeln konnte. Diesem Mann war der Sklave Onesimus entflohen. Über die näheren Umstände dieser Flucht und über die Persönlichkeit des Onesimus erfahren wir nichts. War Onesimus im Sklavenstand geboren? War er ein Kriegsgefangener? Oder stammte er aus einer Familie, die bessere Zeiten gesehen hatte und erst vor kurzem in den Sklavenstand abgesunken war? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, was Paulus mit Onesimus erlebt hat. Irgend einmal war der entflohene Sklave beim Apostel aufgetaucht, und im täglichen Umgang der beiden war etwas geschehen: Aus dem unnützen Onesimus war ein Mann geworden, der für den Apostel nützlich war - und das will etwas heissen, denn Paulus hatte persönlich hohe Ansprüche an Einsatzbereitschaft und Treue (Apostelgeschichte 15,38.39). Aber auch seinem Besitzer war Onesimus jetzt nützlich. Paulus will wahrscheinlich sagen: Onesimus betet jetzt für seinen Herrn, dem er entflohen ist, und das ist ein Nutzen, grösser als wenn er viel schaffen würde.
Doch nun schickt Paulus Onesimus zurück zu seinem Besitzer, zu Philemon. Alle wissen: Philemon hat nach der damals gültigen Ordnung das Recht, den entlaufenen Sklaven hart zu bestrafen, wenn er will mit dem Tod. Vielleicht war ja auch Gravierendes vorgefallen. Wer weiss, was der Sklave an kostbaren Gütern hat mitlaufen lassen, das er womöglich nicht einmal Paulus zu sagen gewagt hatte. Wahrscheinlich hat Onesimus sich sehr gefürchtet.
Aber Paulus schickt ihn zurück und gibt ihm den kurzen Brief mit, aus dem wir jetzt einige Sätze gehört haben. Paulus bittet, dass Philemon Onesimus nicht bestraft, sondern ihn aufnimmt nicht nur als einen zurückgekehrten Sklaven, sondern als einen Bruder in Christus. Und zwischen den Zeilen bittet er um noch mehr: Dass Philemon Onesimus wieder zurückschickt, "damit er mir an deiner Statt diene". Der gefangene, alte Mann bittet um die Freiheit für einen vielleicht jungen Sklaven. Augenfälliger kann das Evangelium wohl kaum zum Ausdruck kommen.

II

Aber das Merkwürdige und Bedeutsame ist die Art, wie Paulus bittet. Der Ton ist sehr formell, feierlich, fast ein bisschen gekünstelt. Paulus schreibt nicht einfach: Onesimus ist zum Glauben gekommen, also freuen wir uns, jetzt gelten die Unterscheide alle nicht mehr, vergessen, was war, wir sind Brüder und wollen uns lieb haben. Paulus will nicht, dass sich die Menschen im Glauben schulterklopfend verbrüdern, und dass die geltende Ordnung ihre Geltung verliert. Ausdrücklich hält er fest: Onesimus ist dein Sklave, Philemon, dein Wille setzt das Recht für ihn. So ist es die geltende Ordnung, und darauf muss man sich im Alltag verlassen können. Wie könnte man vernünftig handeln, wenn man heute nicht weiss, was morgen Recht sein wird?
Aber dann hält Paulus auch etwas anderes fest: Ich, Paulus, sagt er, habe auch ein Recht. Ich könnte dir befehlen. Denn du, Philemon, verdankst mir das Grösste, das ein Mensch überhaupt bekommen kann: den Glauben, der aus dem Wort kommt (Römer 10,17), und damit das ewige Leben. "Du schuldest mir dich selbst", schreibt Paulus, ich könnte von dir fordern, was ich will. Aber ich will nicht, sagt Paulus, denn ich will, dass das Gute freiwillig und nicht gezwungen geschieht.
Paulus betont also nach zwei Seiten hin, dass eine Rechtsordnung gilt: Die Ordnung im Weltlichen und die Ordnung im Geistlichen. Im Sozialen und Politischen, aber auch im Religiösen gibt es ein Oben und Unten, ein Wirken und ein Empfangen, und diese Unterschiede darf man nicht verwischen.
Aber man darf diese Ordnungen von innen aufbrechen und überwinden! Man darf darum bitten, dass die Macht der Liebe ihr wunderbares Werk tut und in die geltende Ordnung etwas noch Besseres hineinlegt. Ja, dies beides gehört nach den Worten des Apostels zusammen: Gerade wenn man das Recht und die Ordnung anerkennt, bekommt die Liebe Raum und kann ihr freies Werk tun. Die Liebe kann man nicht befehlen. Man kann nur um sie bitten und darauf warten, dass sie geschenkt wird und wächst.
Liebe Gemeinde! Ich denke, an diesem Punkt können wir wieder viel lernen vom Apostel Paulus! Denn wir demokratischen Menschen sind ja in der Gefahr, dass wir aus der Liebe ein allgemeines Prinzip machen. Alle Menschen sind gleich, sagen wir, es gibt keine Unterschiede. Wir wollen unkompliziert direkt aufeinander zugehen, ohne Formalismen. Aber während wir so denken, machen wir manchmal die Erfahrung: Obgleich die äusseren Formen wegfallen, kommen die Menschen sich innerlich doch nicht nahe. Wir sind rasch einmal alle per Du - aber was ist dieses "Du" wert? Die äussere Nähe heisst noch lange nicht, dass wir uns innerlich auftun und herzlich uns einer dem anderen anvertrauen. Im Gegenteil: Manchmal habe ich das Gefühl, dass die joviale Kollegialität nur ein Deckmantel ist für eine um so kühlere Distanz. Gerade weil die äusseren Rechtsformen in Frage stehen, zieht man sich innerlich zurück auf sichere Distanz.
Schon vor fast hundert Jahren hat der grosse Soziologe Max Weber einmal gesagt, er sei nicht sicher, dass der Wegfall von altüberlieferten äusseren Stilmitteln wirklich eine grössere persönliche Freiheit, mehr Ehrlichkeit und ein feineres mitmenschliches Empfinden möglich macht. Die moderne, direkte Art könne auch einen inneren Zerfall signalisieren, eine wachsende Schlaffheit und einen Verlust an persönlichkeitsbildender Kraft.
Was der moderne Soziologe umsichtig formuliert, setzt der Apostel Paulus stillschweigend voraus: Die herzliche Liebe stellt sich nicht ein, wenn man eine Brüderlichkeit einfordert. Güte und freundschaftliche Nähe leben nicht auf, wenn man das geltende Recht vergleichgültigt. Im Gegenteil: Sitte und Ordnung können ein Schutz sein, dass die persönliche Liebe sich entfalten kann.
Denn über allem steht der Name von Jesus! Dieser Name, die Person von Jesus, gibt den Personen Philemon, Paulus und Onesimus ihr höchstes, persönliches Recht. Jesus aber hat nicht das Recht aufgelöst. Er hat seinen Vater um Vergebung gebeten für diejenigen, die Unrecht getan haben (Lukas 23,34), und er hat sich seinen Jüngern zum Freund gemacht mit merkwürdig feierlichen Worten: Ihr seid meine Freunde, sagt er, wenn ihr tut, was ich euch befehle. -
Daran sehen wir, liebe Gemeinde: Auch wir finden einander, von Herz zu Herz, nicht, wenn wir formlos direkt einander vereinnahmen, weil wir doch alle Brüder sind. Unsere Herzen finden sich in der Liebe, wenn wir miteinander geduldig alt werden im Dienst am Evangelium, wenn wir die vorgegebenen Ordnungen zuerst einmal akzeptieren und gleichzeitig darum bitten, dass diese Ordnung von innen überwunden werden darf - so wie schliesslich nach und nach in der Christenheit überhaupt die Sklaverei ganz überwunden und für uns undenkbar geworden ist.

III

Liebe Gemeinde!
Auch Niklaus von Flüe hat sich in seinem Brief an diese Vorgabe gehalten. Ein Bote aus Bern hat ihm ein Geschenk der Ratsherren gebracht. Man wollte ihm danken für den grossen, geduldigen, klugen Einsatz, mit dem er die Eidgenossenschaft vor dem Bürgerkrieg bewahrt hatte. In Bern liegt noch immer das alte Rechnungsbüchlein, in dem der Kassier trocken notiert: "Dem Bruder Klaus zu Unterwalden an eine ewige Mess den Beitrag von 40 Pfund." Das war eine stolze Summe, ein mehrfacher Jahreslohn für einen schreibkundigen Menschen, der Kaufpreis für das Zinsrecht von einem Rebgut in Kleinbasel, in heutigen Verhältnissen sicher ein paar zehntausend Franken. Mit diesem Betrag steigt der Bote aus Bern hinab in den Ranft. Und Niklaus tut, was er zu tun hat: Er schreibt eine Quittung. Mit einem gesunden Selbstbewusstsein sagt er: Ich danke. Es ist recht, was ihr schickt. Es hätte auch die Hälfte weniger sein können. Aber (das sagt er damit indirekt auch) es wäre nicht recht gewesen, wenn ihr gar nichts geschickt hättet. Denn auch die geistige Arbeit, auch das Zuhören, Nachdenken, Raten, ja sogar auch das Beten und die Fürbitte sind es wert, dass man dafür dankt. Und dass man mit Geld dankt, ist durchaus sinnvoll. Damit kann der Einsiedler einen Kaplan bezahlen, der die Messe liest und die Einsiedelei pflegt, so dass sie bis heute zu einem eigentümlichen Ort des Friedens geworden ist.
Niklaus dankt also für das Geld und gibt dem Boten eine persönliche Empfehlung. Und dann tut er "von Liebe wegen" noch mehr: Er gibt den Berner Ratsherren Einblick in die geistige Welt, wie er sie in seinem Herzen trägt. Das Geldgeschenk, der Bote, das gelungene Werk der Friedensvermittlung... Dieses Äussere hat dem wortkargen Mann in seiner Einsiedelei das Herz aufgetan, dass er dieses eine, einzige Mal die Frucht von seinem jahrelangen Nachdenken und Beten schriftlich festhält. Aber bevor er dieses Geistliche tut, hat er nüchtern die Quittung ausgestellt. Und so ist es recht, liebe Gemeinde, wenn auch wir uns immer wieder pragmatisch von dem Naheliegenden festhalten lassen und wissen: Das Geistliche dürfen wir nicht über die Menschen und ihre Rechte hinweg verwirklichen wollen. Und es ist eine grosse Gnade, wenn in dem Naheliegenden, wenn sich mitten im Finanziellen und Rechtlichen das Vertrauen einstellt, so dass das Herz sich auftut und uns ein Wort geschenkt wird, das in die Zukunft weist!

IV

Auch wir, liebe Gemeinde, wollen als Gemeinde uns an Sitte und Form, an Ordnung und Recht halten. Wir wollen gelten lassen, dass wir nicht alle gleich sind. Einige von uns tragen Titel, andere haben eine grosse Familientradition, eine herausragende Stelllung in Wirtschaft oder Staat, grosse persönlich Verdienste... andere von uns sind nur kleine Leute, und wieder andere sind vielleicht sogar disziplinlos aus ihrer Verantwortung hinausgelaufen und haben ihr soziales Recht verspielt. Wir sind sehr unterschiedlich, und diese Unterschiede sind nicht gleichgültig. Aber wir dürfen zusammen in dem Dienst von Christus stehen, dürfen hier in diesem gewaltigen Raum das Evangelium von seiner freundschaftlichen Liebe hören, und dürfen darum bitten, dass auch bei uns das Vertrauen wächst und ein Wort uns verheissungsvoll in die Zukunft führt. Dann erleben wir miteinander Erfolge und Misserfolge, wir stehen manchmal geehrt da, dass man dankbar auf unsere Worte achtet, dann wieder werden wir belächelt, gering geachtet und verhöhnt... Und bei all dem verbrauchen wir unsere Kräfte und werden älter und müder, müde und alt. Doch über uns steht die Verheissung, dass die Unterschiede überwunden werden, und dass durch Recht und Ordnung hindurch die Liebe ihren Weg von Herz zu Herzen findet.
Vertrauen wir uns dieser Verheissung an! Wagen wir es!
Wir hören aus den Worten des Apostels Paulus, was das bedeutet. Er hat den entlaufenen Sklaven Onesimus in sein Herz geschlossen. Jetzt muss er ihn zurückschicken, und schickt damit sein Herz fort. Aber er weiss: Ein Herz, das man auftut in dem Namen von Jesus, ein Herz, das man in diesem Namen einem anderen Menschen schenkt, dieses Herz geht weg, es bewegt sich in ein Neues hinein, unkontrollierbar, beunruhigend... Aber es kommt reicher und über die Massen getröstet wieder zurück! "Ich weiss", schreibt Paulus an Philemon, "du wirst mehr tun, als ich sage". Amen.


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