| Predigt 5. Mose 6,1-5 Mai 2000 Lesung: Matthäus 11,25-30 Pfr. Peter Ruch Liebe Gemeinde Höre Israel! So beginnt das wichtigste Grundgesetz im Alten Testament. Was nachher folgt, sind die Zehn Gebote. Lasst uns heute mit der Einleitung beschäftigt sein. Einleitung zu einem Grundgesetz, oder wenn sie wollen zu einer Verfassung. Ich würde erwarten dass es hiesse: Lies Israel! Gesetze sind doch normalerweise aufgeschrieben. Denn nur das Geschriebene ist unveränderlich, und nur das Unveränderliche ist kontrollierbar. Ein Gesetz ohne Kontrolle nützt nichts. Daran wurde ich letzte Woche erinnert, als ich im Kanton St. Gallen eine Parkbusse dem Polizisten direkt bezahlen musste. Das Delikt beging ich an abgelegener Stelle und die Verbotstafel war verrostet, sodass ich bequemlichkeitshalber annahm, sie sei vielleicht nicht mehr in Kraft. Aber als ich den freundlichen Polizisten sah, der seine Pflicht erfüllte, bezahlte ich die 40 Franken ohne Widerrede und tröstete mich damit, dass ich bereits zum dritten Mal an jener Stelle parkiert hatte. Auf der Quittung war ersichtlich, auf welches Gesetz sich die Ordnungsbusse stützt. Gesetze ohne Kontrolle sind nutzlos. Deshalb werden sie festgelegt und aufgeschrieben. Und trotzdem sagte Mose hier nicht Lies! sondern: Höre! Dieses Detail verrät etwas über das Wesen der biblischen Gesetze. Das Wesen der Gesetze ist nicht die Kontrolle; ihr Wesen ist vielmehr eine Art Verbindung. Heute sagt man gerne: Eine Schnittstelle. Gar kein schlechtes Wort. Das Parkverbot ist eine Schnittstelle zwischen dem Automobilisten mit seinen Ansprüchen, und der Gemeinschaft, die sich die Fläche, wo das Parkieren bequem wäre, für andere Zwecke freihalten will. Auch unser Bibeltext redet von einer Schnittstelle, nur benützt er ein anderes Wort. Er sagt Bund: Bund zwischen den Israeliten und Gott. Eine Schnittstelle zwischen Mensch und Gott. Bei dieser Schnittstelle steht nicht die Kontrolle im Vordergrund, sondern die Verbindung. Deshalb heisst es zuerst: Höre! Jedes geschriebene Wort entstammt der gesprochenen Sprache. Auch wenn wir uns heute ein Gesetz oder auch nur einen Vertrag - bloss gesprochen - nicht vorstellen können. Aber auch ein mündlicher Vertrag ist gültig. Die Schwierigkeit liegt bloss darin, ihn nachzuweisen. Immerhin ist es erst dreissig Jahre her, als ein Landwirt in die Thurgauer Gemeinde zog, in der ich dann später Pfarrer war, dort um eine Baubewilligung nachsuchte, und anstatt dass der Gemeindepräsident, seinerseits Handwerker, sie ihm schriftlich und eingeschrieben mit allem drum und dran zugestellt hätte, hielt er ihn eines Tages, als er mit dem Traktor vorüberfuhr, auf der Strasse an und rief ihm zu: Köbi, s'isch in Ornig, chasch denn baue. - Eine schriftliche Bewilligung gab es nie, und gebaut wurde immerhin eine grosse Scheune ausserhalb der Bauzone. Die Scheune steht heute noch. Ich sage nicht, dass man in der Agglomeration Zürich die Baubewilligungen mündlich über die Strasse rufen soll, und wahrscheinlich gibt es nicht viele Orte in der Schweiz, wo das heute noch in diesem Stil möglich ist. Aber das Beispiel zeigt etwas Wichtiges, nämlich dass das gesprochene Wort zwischen Menschen das entscheidende Ereignis ist. Nicht das viele Papier, das sich nachher auftürmt. - Und ebenso ist das ent-scheidende Ereignis zwischen Mensch und Gott das gesprochene Wort. Deswegen muss man zuerst hören, und erst dann, wenn überhaupt, lesen. Gott wendet sich auch an solche, die nicht lesen können. Vielleicht sogar mit Vorliebe. Das Geschriebene steht nicht über dem Gesprochenen, sondern daneben, als Hilfs-mittel. Im Zusammenhang mit den Jubiläumsfeiern der Eidgenossenschaft in den Jahren 1991 und 1998 habe ich mich gefragt, was denn eigentlich das entscheidende Ereignis zur Gründung unseres Landes war. 1991 feierten wir 700 Jahre Bundesbrief. Ich erinnere mich, dass man sich mit den Feierlichkeiten etwas schwer tat. Die Jubiläumsfreude wollte nicht so recht aufkommen, obwohl es zur Freude durchaus gute Gründe gab. Was mir aus dem Jahr 1991 am lebendigsten in Erinnerung geblieben ist, das ist offen gestanden das Jubiläumsprogramm des Zirkus Knie mit lauter Schweizer Artisten. Ich hoffe, dass in Ihrem Gedächtnis noch andere Inhalte überlebt haben ausser Clowns und Jongleuren. - Im Jahr 1998 taten wir Schweizer uns mit dem Jubiläum - 150 Jahre Bundesverfassung - noch schwerer. Es gab Streitigkeiten über die Art und Weise der Feier. Beide Jubiläumsjahre - 1991 und 1998 - bezogen sich auf schriftliche Urkunden, eben den Bundesbrief und die Verfassung. Aber vielleicht ist das ent-scheidende Ereignis für die Bewahrung der Eidgenossenschaft etwas anderes, etwas, das man im Jahr 1981 hätte feiern sollen, aber es zu feiern vergass: Nämlich das Stanser Verkommnis. Eine unverständliche Bezeichnung für ein Ereignis des Jahres 1481. Jene Epoche war von heftigster Spannungen zwischen den Städten und den Landgebieten geprägt. Die Städte wollten die Eidgenossenschaft homogener machen, sie wollten die Kantone enger zusammenschweissen. Dadurch wäre die Schweiz zu einem richtigen Staat geworden, der in Europa ein gewisses Gewicht erlangt hätte. Aber die Landbevölkerung befürchtete zu Recht, dass dadurch alle Macht in die Städte geflossen wäre, dass sie nichts mehr zu sagen gehabt hätte, und deshalb wehrten sich die Landleute gegen jede Veränderung. Dadurch war die Schweiz in ihrer Entwicklung völlig blockiert. Es war damals nicht möglich, weitere Kantone in den Bund aufzunehmen. Wenig hätte gefehlt, und ein Bürgerkrieg hätte die Schweiz zerrissen und aufgelöst. In dieser schwierigen Lage gelang es einem merkwürdigen Kauz namens Niklaus von Flüe, den letzten Versuch zur Reparatur der kaputten Eidgenossenschaft zum Erfolg zu bringen. An der Tagsatzung in Stans einigten sich die Abgeordneten darauf, die bisherige Form des Staatenbundes beizubehalten, also keinen zentralistischen Staat zu schaffen, und dafür den Beitritt neuer Kantone zuzulassen. Dadurch ging die Tür auf, zum Beitritt von Freiburg und Solothurn, etwas später Schaffhausen und Basel, und die Schweiz fand den Weg in die Zukunft. Ohne diese Einigung hätte unser Land schwerlich weiter existiert. Massgebend dafür war der Beitrag des Einsiedlers Niklaus von Flüe. Er muss in Stans eine Rede gehalten und Vorschläge zur Einigung gemacht haben. Wir kennen den Inhalt seiner Rede nicht, weil sie nirgends schriftlich festgelegt ist. Niklaus konnte weder lesen noch schreiben. Er war Analphabet. Sagt man das heute von einem Zeitgenossen, so tönt das schlimm. Aber das entscheidende Ereignis zwischen Menschen ist das gesprochene Wort. Das gesprochene Wort von Bruder Klaus nährte sich aus dem Wort Gottes und hat wahrscheinlich den Fortbestand unseres Landes mit allem, was wir ihm heute verdanken, gesichert. - Unser Predigttext fährt dann fort, die Hörer mögen die Worte, die Rechtssätze, in denen der Geist von Gottes Bund zum Ausdruck kam, lernen. Ein moderner Übersetzer sagt einprägen. Das ist zwar durchaus gemeint. Aber das Wort lernen hat den Vorteil, dass wir bei dieser Gelegenheit überlegen können, was lernen eigentlich ist. Darüber herrscht angesichts der Umbrüche im heutigen Schulbetrieb einige Verwirrung. Auswendig lernen gilt heute als verpöntes Relikt aus den finsteren Zeiten böswilliger Schülerunterdrückung. Und wer wollte bestreiten, dass den Schulmeistern früher oft nichts anderes in den Sinn kam als die Schüler seitenweise Texte oder Formeln auswendig lernen zu lassen. Martin Luther zum Beispiel erzählte in einer seiner Tischreden über seine Schule folgendes: "Wie in dieser Zeit die Schulmeister gewesen sind, Tyrannen und Stockschläger, so waren die Schulen echte Kerker und Höllen. Die armen Kinder wurden ohne Mass und ohne alles Anhören geschlagen, lernten mit grosser Arbeit und unbändigem Fleiss, doch mit wenig Nutzen." Umso besser, wenn diese Zeiten vorbei sind. Aber was heisst eigentlich lernen? Luther, der sein Leben lang nicht aufhörte zu lernen, hätte das, was die heutigen Schüler in der Schule verlangen, und teilweise auch durchsetzen, kaum gutgeheissen. In der Schule höre ich die Schüler sagen: Auswendig lernen, das kann jeder Dummkopf. Es kommt darauf an, die Dinge zu verstehen. - Kaum mehr ein Gedicht auswendig lernen; anstelle des Gehirns rechnet ein elektronisches Kästchen für die Schüler; anstatt Wörter und Grammatik rezitieren sie ganze Sätze: Jean fait sa valise, das heisst ungefähr: Hans fährt ins Wallis.
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