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Von Liebe wegen
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Predigt
aus Philipper 2.5 - 11
im Gottesdienst
am 4. Februar 2001
im Baslermünster

Pfr. Dr. Bernhard Rothen


(In der Reihe Von Liebe wegen:
Bruder Klaus schreibt an den Rat von Bern)

Lesungen:
2. Mose 3, 1 - 15; Matthäus 17,1 - 9


Seid so unter euch gesinnt, wie es in Christus Jesus ist: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für ein errafftes Gut, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. (Philipper 2,5 - 11)


I

Liebe Gemeinde!
Vier Buchstaben - JHWH - stehen im hebräischen Alten Testamentes für den Namen Gottes. Dieser Name ist dem jüdischen Volk so sehr heilig, dass es ihn seit uralten Zeiten nicht mehr ausgesprochen hat. In der hebräischen Bibel stehen nur die vier Konsonanten JHWH. Was für Vokale dazu gehört haben, steht nicht. Bis heute ist es so: Wenn aus der hebräischen Bibel vorgelesen wird, spricht man dort, wo diese vier Buchstaben stehen, nicht den Gottesnamen aus, sondern man sagt: "Der Herr". In der Lutherbibel steht an diesen Stellen "der HERR" mit grossen Buchstaben geschrieben.
JHWH - ein unaussprechlich heiliger Name. Im 2. Mosebuch wird angedeutet, was dieser Name für einen tieferen Sinn in sich birgt. Er umschliesst das hebräische Tätigkeitswort HJH, ein Wort, das man mit "Sein" oder "Werden" übersetzen kann. "Ich werde sein, der ich sein werde", sagt Gott zu Mose. Wer Gott ist, das können wir nicht als ein abgeschlossenes Wissen mit uns tragen. Denn nicht wir können Gott, sondern er will uns umfangen und tragen. Nur wenn wir mit ihm durch die Zeit gehen, erfahren wir nach und nach, wer er ist. Wir erleben, dass er sein Wort hält.
Über die Jahrhunderte hin hat so das jüdische Volk einen gewaltig grossen Respekt vor dem Namen Gottes in sich aufgenommen! Und dann ist das Unerhörte geschehen: jüdische Männer, hoch gebildet, fromm, schriftgelehrt, sagen: Diesen unaussprechlich heiligen Namen, der Name, der über alle Namen ist, den hat Gott Jesus gegeben. Der Zimmermannssohn aus Nazareth, der vom römischen Statthalter Pontius Pilatus zum schändlichen Tod am Kreuz verurteilt worden ist: Dieser Mensch trägt den heiligen Gottesnamen. Alle Knie sollen sich beugen, alle Zungen sollen bekennen: Jesus ist "der HERR". Denn dieser Jesus war nicht nur ein Mensch. Er war von Ewigkeit her in Gottes Gestalt und Gott gleich. So sagen es nicht griechische Religionsphilosophen, für die das Göttliche und das Menschliche rasch einmal ineinander fliesst. Nein, so sagen es jüdische Männer, Paulus, Johannes, Petrus und die anderen Apostel auf je ihre Weise. Und so hat es zuerst im jüdischen und dann bei vielen anderen Völkern Glauben gefunden.

II

Liebe Gemeinde!
Der Name von diesem Jesus soll der gegenseitige Gruss sein, schreibt Niklaus von Flüe an die Ratsherren in Bern. Zu seiner Zeit darf, ja, muss Niklaus davon ausgehen, dass der Name von Jesus über allen Menschen in seinem Land steht. Alle sind auf den Namen Gottes getauft, wie es Jesus seinen Jüngern mitgegeben hat (Matthäus 28,16-20). Im Religiösen hat Jesus den zentralen Platz in der europäischen Kultur. Wo früher die alten germanischen und keltischen Götter standen, steht jetzt Jesus. Wenn man früher den Eid abgelegt hat auf den Namen Wotans, oder den Ehepaaren den Segen der Göttin Freya gewünscht hat, tut man das nun im Namen des dreieinigen Gottes. Wo vorher Zaubersprüche, Amulette, magische Rituale die Menschen mit Scheu erfüllt haben, steht jetzt das Zutrauen zum Gott Abrahams, dem Schöpfer und dem Erlöser. Es gibt keinen anderen Namen, keine andere Person, keine andere Gestalt, die für Europa derart zentral ist und die eine so geheimnisvoll starke Macht ausübt, wie der Name Jesus.
Das gilt auch heute! Wir haben zwar unterdessen die Religion zu einer Privatsache erklärt und gehen nicht mehr selbstverständlich davon aus, dass wir eine Gesellschaft sind, in der alle "rechte Christen" sein wollen. Aber wir haben den Namen von Jesus nicht ersetzen können mit etwas anderem. Es gibt in unserer Kultur weit und breit keine andere Person, die auch nur von ferne einen Anspruch erheben könnte, wie ihn Jesus erhebt. Zwar hat es Versuche in diese Richtung gegeben: Dichter, Wissenschaftler, oder - besonders schrecklich - politische Führer haben versprochen, dass die Menschen in ihrem Namen das Heil finden sollen. Aber daraus sind nur sektiererische Sonderwege entstanden, oder tyrannische Diktaturen, nichts, was aus einer inneren Kraft eine Kultur formen kann. Es gibt auch heute keine Alternative zu dem Namen Jesus. Wenn wir diesen Namen nur selten öffentlich in den Mund nehmen, und wenn viele unserer Mitbürger von diesem Namen fast nichts mehr wissen, ist das nicht, weil wir etwas Besseres haben, sondern weil an dieser Stelle ein gewaltiges geistiges Vakuum herrscht. Ganze Generationen haben es verpasst, sich ernsthaft auseinanderzusetzen mit dem, was in unserer Kultur alle Schichten grundlegend verbindet.
Das aber hat seine tieferen Gründe in dem Namen von Jesus selber. Der Apostel Paulus sagt: In diesem Namen sollen alle Knie sich beugen. Er meint: Einmal dann, wenn die Toten auferstehen, werden alle das tun. Niemand wird sich der Macht von Jesus entziehen können (Johannes 5,21-25). Jetzt aber, und zu allen Zeiten war das so: Es gibt Menschen, die beugen jetzt ihre Knie vor Jesus. Freiwillig, aus einer dankbaren Liebe gehen sie in die Knie und freuen sich, dass sie Jesus verehren und anbeten dürfen. Anderen geht es nicht so. Sie können oder wollen - aus unergründlichen Gründen - nicht glauben, dass Jesus der Herr ist. Sie hören aus den Worten der Apostel nur den Anspruch, die Forderung. Es klingt für sie einfältig dumm, vielleicht sogar lästerlich, dass dieser Gekreuzigte der Herr der Welt sein soll (1.Korinther 1,18-25). "Der Glaube ist nicht jedermanns Ding", sagt der Apostel Paulus ausdrücklich (2.Thessalonicher 3,2).
Das wollte man lange nicht wahrhaben im christlichen Europa. Und auch heute wollen viele es nicht wahrhaben. Alle müssen Christen sein, hat man gesagt. Wer den Katechismus nicht lernen will, schreibt Luther recht unschön, der hält das Landesrecht nicht, und man soll ihn aus der Stadt hinausjagen. Auf diese Weise hat man Menschen gezwungen, ihre Knie zu beugen, auch wenn sie innerlich nicht überzeugt waren. Aber auch heute meinen viele: Man darf nicht unterscheiden zwischen Christen und Nichtchristen, Gläubigen und Ungläubigen, das ist diskriminierend.
Hier, liebe Gemeinde, brechen tiefe, schmerzliche Fragen auf. Man spürt das auch in dem Brief, den Niklaus von Flüe geschrieben hat. Zuerst stehen die Formulierungen mit grosser Ruhe und Gewissheit da. Eine Aussage folgt der anderen mit stiller, mächtiger Klarheit. Am Schluss aber schreibt Niklaus vom Glauben, und plötzlich werden seine Worte unsicher, tastend. Hastig gleiten sie wie über etwas Ungreifbares hinweg. "Mir zweifelt nicht daran", schreibt er. So drückt man sich aus, wenn man doch Zweifel hat. "Ich schreibe es nicht, weil ich glaubte, ihr glaubet nicht recht..." Das ist ja so: Wer darf sich zum Richter machen über den Glauben der anderen? Wer könnte entscheiden, was im Herzen eines Mitmenschen vorgeht? Aber andererseits: Es haben doch nicht alle einfach selbstverständlich den Glauben..?
Niklaus weiss: Im Hinblick auf dieses Innerste darf man brüderlich Fragen stellen, zureden, vermahnen - aber nicht richten.
Aus diesem Grund hat sich seit den Tagen von Niklaus von Flüe in unserer Rechtsordnung etwas Wichtiges verändert, und zwar zum Guten, wie wir wohl alle meinen. Im Brief von Niklaus von Flüe ist die Richtung schon gewiesen. Wir haben mehr und mehr gesehen: Wenn man auf die Menschen einen Zwang legt und mit äusserlichem Druck den Glauben einfordert - das ist mehr als nur fragwürdig. Es führt zur Heuchelei und Scheinheiligkeit. Darum trennen wir den Glauben von Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Wir sind der Meinung: Ein Mensch kann seine Aufgaben zuverlässig erfüllen, ein Politiker kann uns recht vertreten, ob er an Jesus glaubt oder nicht. Wir wollen ein konfessionell neutrales Gemeinwesen sein, ohne einen religiösen Zwang.
Das entspricht dem Namen Jesu. Denn Jesus hat auch keinen äusseren Zwang ausgeübt, im Gegenteil. Es entspricht auch den Formulierungen im Brief von Bruder Klaus. Er mahnt, dass jeder seinen persönlichen, inneren Kampf gegen den Zweifel und für den Glauben kämpfen muss. Mit äusserer Macht kann man das nicht leisten.

III

Nur, und das muss ich in der heutigen Predigt etwas ausführlicher darlegen, weil es ein nicht ganz geläufiger Gedanke ist: Wir haben es uns diesbezüglich ein bisschen zu einfach gemacht. Wir haben aus der Glaubensfreiheit ein Prinzip gemacht, das allzu geradlinig über das Leben hinweggeht. Bei uns droht die Gefahr, dass wir sagen: "Der Glaube ist nicht jedermanns Ding" - aber alle sollen gleich sein, und deshalb soll der Glaube für niemanden ein ganz ernsthaftes Ding sein. Wir sind in Gefahr, dass wir alle zu einer innersten Neutralität verpflichten. Aus der Glaubensfreiheit wird ein allgemeines Gesetz, das von allen einen frei schwebenden Glauben fordert, der niemanden und nichts ausgrenzt und ohne innerste Kraft ist." Der Protestantismus ist liberal", schreibt Jakob Burckhardt sarkastisch, "erst seitdem er nicht mehr Protestantismus ist und der Staat es ihm ohnehin vorschreibt". Die Kirchen selber machen es sich einfach. Sie halten sich aus der öffentlichen Auseinandersetzung um die Kultur heraus und richten sich ein in der Sphäre der privaten Frömmigkeit, wo jeder seine private Meinung haben darf und niemand sich herausgefordert fühlt. Alle integrieren, keinen Anstoss geben: Das ist wie eine allgemeine Devise geworden. So dient die Gewissensfreiheit der Bequemlichkeit, dass niemand Stellung beziehen muss: Jeder hat seine Zweifel, jeder hat seinen Glauben, niemand soll ernsthaft um den rechten Glauben ringen.
Das zersetzt unsere Gemeinschaft. Es breitet einen tödlichen Mantel einer kühlen Skepsis über das Leben. Es nimmt der Liebe den Opfermut und die Kraft und Geduld (1.Korinther 15,33).
Denn das Leben muss nicht nur funktionieren. Unsere Kinder müssen etwas lernen, und wir alle möchten manchmal etwas hören und sehen, das nicht nur nützlich ist, sondern wahr und recht und schön. Wir haben darum nicht nur eine gemeinsame Kehrichtverbrennungsanlage, sondern wir haben auch gemeinsame Schulen und ein gemeinsames Stadttheater. Da aber müssen Inhalte ausgewählt werden, bestimmte Werte und Menschen, die sie vertreten, werden gefördert, andere zurückgesetzt... Und bei all dem stellt sich die Frage: Wie steht es mit dem Namen von Jesus? Hat er seinen Platz in unserem Kulturleben? Oder wird er verdrängt, mit institutioneller und steuerlicher Gewalt zu einer exotischen Privatsache von ein paar Randgruppen gemacht?
Die Erziehung kommt ohne Vorbilder nicht aus, und unsere Kultur kann nicht blühen, wenn sie sich abschneidet von einer tausendjährigen Geschichte. Darum hat man in unserem nördlichen Nachbarland wieder von einer "Leitkultur" zu reden begonnen (sehr vorsichtig, denn es ist tatsächlich gefahrvoll, davon zu reden), im südlichen Nachbarland hat man eine Mandatssteuer eingeführt, und im westlichen Nachbarland kennt man seit langem den Cours de civilisation, mit dem man die Barbaren aus anderen Ländern in die Zivilisation der grossen Nation einführt. Auch bei uns, habe ich mit grosser Freude gelesen, sucht man jetzt für die neue Verfassung neue Formen, wie Glaube und allgemeine Ordnung ineinander greifen sollen. Das ist eine schwere Aufgabe, die man nach meinem Eindruck nun im Verfassungsrat sorgfältig und mutig angeht. Es ist tatsächlich an der Zeit, dass wir uns neu einlassen auf die Frage, was uns in diesem Land innerlich verbindet, für was wir miteinander einstehen und was wir von allen einfordern wollen.
Und da führt kein Weg an dem Namen von Jesus vorbei. Dieser Name macht ein Zusammenleben möglich, in dem nicht Zwang und Heuchelei regieren, aber auch nicht intellektueller Hochmut und skeptische Gleichgültigkeit, sondern ein echter Respekt vor dem Gewissen, und ein tiefster Wunsch, dass alles in Freiheit und Würde geschehe.

IV

Dazu haben wir gute äussere, soziale und politische Vorgaben, eine Ordnung, die uns grosse Freiheit gibt, den Glauben mit Gewissheit und ohne Zwang zu leben. Mitten unter unseren Mitbürgern sind wir hier eine Gemeinde. Hier müssen wir nicht unsicher fragen, ob wirklich alle im Glauben stehen wollen. Wir müssen nicht immer wieder bei Null anfangen und alles so formulieren, dass es alle und alles umschliesst. Wir dürfen getrost und freudig miteinander einstimmen in das Bekenntnis der Apostel: Ja, Jesus ist der Herr! Sein Name umfasst mehr, als unsere besten Absichten umgreifen. Dem wollen wir vertrauen.
So stehen wir miteinander im Kampf gegen den Zweifel, ringen um den wahren Glauben und geben uns gegenseitig zur Ermahnung und Ermutigung den Namen Jesu zum Gruss. Für viele, nah und fern, ist das ein Zeichen der Hoffnung!
Der Sinn und Geist, der in Jesus ist, soll auch in uns sein. Jesus hat nicht zurückgezogen für sich ein göttliches Dasein gepflegt. Er hat sich aufgetan, ist verletzlich geworden und in Hohn und Spott gestanden. Aber er hat sein göttliches Leben dadurch nicht verloren. Klar, wahrhaftig, gesammelt ist er seinem Wesen und Auftrag treu geblieben.
Auch wir haben den Glauben und die Liebe nicht selber ergriffen und müssen die geistlichen Güter nicht festhalten, als wären sie ein errafftes Gut, das man ängstlich in einer Privatwelt in Sicherheit bringen muss. Wir tun uns auf, geben uns den Namen Jesu zum Gruss, und erleben darum auch, dass man uns belächelt und verhöhnt und verspottet.
Doch auf diesem Weg, und nur auf diesem Weg kann sich vollenden, was Gott mit dir und mir unaussprechlich Hohes begonnen hat. Wir sollen seinen Namen tragen. Wir sollen seine Kinder sein. Wir sollen sein wie Gott: bereit, für andere zu leiden, das Unrecht zu dulden, das Böse mit Freundlichem zu überwinden, die Wunden zu versöhnen. Wir sollen lieben, wie er geliebt hat. Wir sollen sein wie Gott. In dem Namen von Jesus geben wir uns dieses Heil gegenseitig zum Gruss! Amen.

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