| Wessen Bild ist das? Predigt aus Matthäus 22,15 - 22 im Abendmahlsgottesdienst am 1. Oktober 2000 in der Kirche St. Jakob, Basel Lesung Römer 13,1-7 Pfr. Dr. Bernhard Rothen Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in seinen Worten fangen könnten; und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes. Die sprachen: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. Darum sage uns, was meinst du: Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht? Als nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon. Matthäus 22,15 - 22 I Liebe Gemeinde! Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, sagt Jesus zu seinen Landsleuten. Wir Schweizer haben schon lange keinen Kaiser mehr. Wir haben früh schon Sorgen gehabt, dass ein Mensch mit zu viel Macht diese Macht missbraucht. Darum haben wir keinen Kaiser mehr. Aber Geld haben wir trotzdem; und alle müssen wir Münzen und Noten in die Hand nehmen. Und wir alle möchten wahrscheinlich gerne manchmal frei sein davon und alles Finanzielle und seine Verpflichtungen weit hinter uns lassen! Aber niemand kann hinaus aus dem, was uns politisch und wirtschaftlich bindet. Auf unseren Münzen steht nicht der Kopf von Kaiser Tiberius, wie das bei Jesus der Fall war. Auf unserem Geld stehen das Vreneli und die Helvetia und der Wilhelm Tell, und der Architekt Le Corbusier und der Komponist Honegger und die Malerin Taeuber-Arp und der Bildhauer Giacometti... Kein einzelner Mensch aus der Politik, sondern Sinnbilder von der Volksgemeinschaft und Vertreter aus der geistigen Welt der Kunst sind auf unser Geld gedruckt. Vor ein paar Jahren waren es Naturwissenschaftler. Wenn wir darüber nachdenken, spüren wir, warum das so ist und was es für Folgen hat. Die Bilder auf dem Geld drücken aus, was wir sind, und das prägt uns viel stärker, als wir zuerst einmal meinen. Denn auch für uns gilt, was Jesus sagt: gebt dem Kaiser..! Für uns heisst das: Gebt dem Vreneli, der Helvetia, gebt der Kunst und dem Geist, was dem Wilhelm Tell und dem Geist gehört. Und das heisst: Im Vergleich zur Zeit von Jesus ist unser gesellschaftliches und politisches Leben viel abstrakter und unpersönlicher geworden. Wir haben keinen einzelnen Menschen, der als Person über allem steht. Wir haben Behörden und Kommissionen und Parlamente und Banken, und in ihnen gilt das Kollegialitätsprinzip, wir haben Universitäten und Fachhochschulen und Kulturinstitute und Vereine und Computerprogramme und Spitäler und Rechnungsmodelle und Shareholdervalues... und all diese Mächte sind abstrakt und bekommen kaum je ein Gesicht. Diesen geistigen Mächten müssen wir geben, was ihnen gehört. Im Vergleich zu früheren Generationen müssen unsere Kinder viel länger in die Schule gehen, sie müssen viel abstrakter zu denken lernen, und wir alle verbringen viel mehr Zeit mit Papier und Organisation und Abmachungen, als die Generationen vor uns. Alle fünf Jahre müssen wir durch eine neue Strukturreform hindurch und dem Leben neue Ordnungen aufprägen. Das ist wie ein unentrinnbarer Zwang. Keiner kann auf und davon und sich ganz davon frei machen. Wir leben in dieser unserer Zeit, wo auf den Geldstücken abstrakte Sinnbilder und Portraits von Geistesmenschen stehen; und wir müssen diesen Mächten geben, was ihnen gehört. Denn es ist Gott, der diesen Mächten ihre Macht verleiht. Im Römerbrief spricht der Apostel Paulus von ?Mächten?, denen jedes lebendige Wesen sich unterordnen muss (Römer 13,1ff.). Er redet von diesen Mächten in der Mehrzahl, nicht wie Luther übersetzt von der ?Obrigkeit? in der Einzahl. Aber Paulus sagt deutlich: Es sind solche ?Ordnungsmächte? am Werk, und ihnen muss jedes Lebewesen sich unterordnen. Auch wir müssen uns einfügen, müssen uns diesen ordnenden sozialen Mächten unterziehen. Niemand kann sich diesen Zwangsssgewalten entziehen, meint der Apostel, wenn er nicht gegen das Leben selber rebellieren und sich den Anordnungen Gottes entgegenstellen will. Wenn wir das hören, geht es uns vielleicht wie den Volksgenossen von Jesus. Es heisst ja: Als sie das hörten, staunten sie, liessen von ihm ab und gingen davon. Sie wussten nichts mehr zu sagen. Aber überzeugt waren sie nicht. Muss dieser Zwang wirklich sein? Kann man die komplexe Wirklichkeit so einfach fassen, wie Jesus das tut? Jesus hat sich ein Geldstück geben lassen und hat gesagt: Da steht das Bild vom Kaiser, und ihr alle müsst das in die Hand nehmen - also gebt dem Kaiser, was ihm gehört. Heute sagt uns dementsprechend Jesus: Ihr nehmt alle die Helvetia in die Hand und den Giacometti - also gebt diesen Mächten, was ihnen gehört. Wir könnten uns vieles ganz anders denken, wir meinen auch, wenn man nur den Glauben ernst nehmen würde, müsste sich vieles viel besser ordnen aber Jesus sagt: Ordnet euch ein. Bleibt drin. Gebt, was ihr geben müsst. Meint Jesus, dass man sich nur eben anpassen und mitmachen muss? II Nein, liebe Gemeinde! Jesus hat auch das andere gesagt: Gebt Gott, was Gott gehört! Aber eines kann man nicht hören, wenn man nicht auch das andere hört, und zwar ganz und bis zum Ende: Gebt dem Kaiser, und gebt Gott! Jesus unterscheidet diese beiden Dimensionen im Leben: Hier der Kaiser, die Mächte... und dort Gott. Luther hat vereinfachend von den beiden Reichen oder ?Regimenten? geredet und hat immer wieder betont, dass man dies beides unterscheiden müsse: Gott regiert in der Welt durch die Ordnungsmächte auf Erden und das Auf und Ab im Schicksal. Da herrscht Unfreiheit. Wir müssen uns fügen und unterordnen. Aber Gott regiert auch durch sein Wort und den Heiligen Geist. Da herrscht Freiheit: Gott gibt jedem, was er braucht: Allen, die ihn darum bitten, ob sie es verdient haben oder nicht, gibt er den Heiligen Geist und durch ihn die Möglichkeit, zu glauben und zu beten (Lukas 11,13). Wir vermischen diese beiden ?Reiche? oft und denken und handeln, als ob es nur Eines gäbe. Darum wollen wir dann alles unklar lassen, damit irgendwo ein Spalt offen bleibt für unsere Träume und Ausflüchte. Jesus aber redet klar. Er ordnet die Dinge und gibt allem seinen rechten Namen. Er sagt: Gebt dem Kaiser und gebt Gott, was Gott gehört! Gott gehört unser ganzes Leben. Er hat uns geschaffen. Gott gehört unser ganzes Vertrauen. Wir sollen ihn lieben ?von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft? (5. Mose 6,5).Wir dürfen keine anderen Göttern haben neben ihm. Nur Gott ist es wert, dass wir ihm unser Herz schenken, dass wir uns vorbehaltlos und ohne kritische Distanz an ihn hingeben. Und da spüren wir den gewaltigen Unterschied! Dem Kaiser muss man Steuern geben. Den Schulen müssen wir unsere Kinder schicken, dass sie Mathematik und Französisch und den Umgang mit dem Computer lernen. Der Krankenkasse sind wir unseren Beitrag schuldig, und die Kunstschaffenden und Professoren haben ein Recht, dass wir ihnen die Ehre geben. Aber bei all dem spüren wir: Unser Herz, unseren Glauben, unser innerstes Vertrauen ist das nicht wert! Zwar hat man im vergangenen Jahrhundert eine kurze Zeit lang diese Machtsphären des Politischen und Wissenschaftlichen religiös überhöht. Die Kommunisten und die Nationalsozialisten haben den Menschen versprochen: Ihr müsst uns glauben, ihr müsst euer ganzes Leben dem Führer oder der Partei hingeben, dann schaffen wir das Paradies auf Erden. Aber das war dämonisch gelogen. Nichts, was wir Menschen tun, ist durch und durch gut und unsere ganze Liebe wert. In der Politik, in der Kunst, in der Institution Kirche... überall gibt es Heuchelei und Ehrsucht, Intrigen und Machtkämpfe. Überall wird man enttäuscht. Wer sein ganzes Leben der Politik verschreibt oder dem technischen Fortschritt oder der wirtschaftlichen Entwicklung, dem zerreisst es früher oder später das Herz, und er wird gleichgültig oder hart oder zynisch und bös. So ist es vielen gegangen. Das spüre ich in unserer Zeit sehr gut. Ein Ideal nach dem anderen ist zerfallen. So muss es gehen, liebe Gemeinde, wenn wir den Kaiser und Gott durcheinander mischen und nur noch dieses eine Gemisch kennen, und dann nicht mehr wissen, wo und wie und ob überhaupt wir uns an dieses Eine hingeben dürfen. Aber Jesus sagt: Es gibt diesen radikalen Unterschied! Über dem Kaiser und über der Universität und den Parlamenten und der Börse steht Gott! Und dieser Gott ist gut und ist unsere Liebe wert! Dieser Gott hat uns Menschen sein Bild aufgeprägt. ?Zu seinem Bild? hat er uns erschaffen (1. Mose 1,27). Wir selber können das nicht sehen, aber wir tragen sein Bild. Gott sieht es. Er nimmt uns beständig wieder in seine Hand. Wir haben eine höhere Bestimmung. Wir sind nicht gemacht, nur damit wir noch schönere Autobahnen bauen, noch schönere Ferien machen, noch schönere Altersheime einrichten und noch schönere Fernsehspiele inszenieren... Wir tragen Gottes Bild. Wir sind geschaffen, dass wir Gemeinschaft haben sollen mit dem, der von Anfang an Liebe ist, und dass wir in seiner Hand seinem Werk dienen. Er hat uns gerufen und ist es wert, dass wir ihm unser ganzes Leben schenken. III So redet Jesus; und ich denke, wir müssen das wieder ganz neu hören und müssen die beiden Worte (vom Kaiser und von Gott) wieder so präzise nehmen, wie Jesus sie gesagt hat. Denn auch das andere ist nicht richtig: Wenn wir nur Gott geben wollen, was Gott gehört, und wenn wir die Politik und Wirtschaft und Technik dann einfach anderen überlassen und die äusseren Entwicklungen hinnehmen als ein unentrinnbares Schicksal, aus dem wir uns zurückziehen in ein scheinbar heiles Innenleben mit Gott: Auch das ist nicht richtig. Auch so bleiben wir Gott etwas schuldig und unser Leben entleert sich. Wir müssen uns auch um das Weltliche mit Liebe mit kritischer Liebe kümmern! Und diesbezüglich habe ich ein grosses Anliegen. Darum hat mich euer Pfarrer eingeladen, dass ich heute hier predigen darf. Seit vielen Jahren treibt mich ein sehr eigentümliches Wort um. Ich habe mich immer intensiver zu beschäftigen begonnen mit dem Brief, den Niklaus von Flüe an den Berner Rat geschrieben hat, und in dem das Evangelium für unser Land und seine Leute auf ganz besondere Weise zum Strahlen kommt. Auch Niklaus von Flüe wollte als Innerschweizer Bauer und Ratsherr fort von allem, was uns in dieser Welt bindet und zwingt. Er wollte auf den Pilgerwegen durch Europa wandern und nur noch für Gott da sein. Aber er musste wieder zurück und hat dann als Einsiedler ganz nahe bei seiner Familie gelebt. Er war den Menschen nahe und doch auch wieder fern. Aus der Distanz einer innigen Gottesgemeinschaft hat er liebevoll Anteil genommen an den Irrungen und Wirrungen seiner Zeit. Er hat sich wieder um die Politik kümmern müssen und hat geholfen, eine Ordnung zu schaffen, die den Frieden zwischen den Kleinen und den Grossen möglich gemacht hat. Was viele nicht wissen: Dieser Niklaus von Flüe hat ein einziges Mal einen Brief diktiert, in dem er mit wenigen Worten sagt, was er im Gebet und im Umgang mit den Menschen an geistlicher Einsicht gewonnen hat. Die Worte in diesem Brief sind mir vor langer Zeit zu Herzen gegangen. Ich meine, dass wir in ihnen ausgedrückt finden, was unser Land vom Evangelium empfangen und was die Menschen hier Gott zurückgegeben haben. Kein einziges Wort steht in dem Brief, das nicht von der Bibel her gesehen richtig ist und das jeder Christusgläubige, abgesehen von seiner Konfession, zu Herzen nehmen und sich zu eigen machen kann. Knappe zwanzig Jahre nachdem dieser Brief geschrieben wurde, ist auch Basel in diese neue eidgenössische Ordnung eingetreten; und dieses Jubiläum werden wir nächstes Jahr feiern. Die staatlichen Behörden bereiten ein grosses Fest vor. Ich möchte, dass in diesem Fest nicht nur der Kaiser bekommt, was dem Kaiser gehört, sondern auch Gott, was sein Eigentum ist. Deshalb bereite ich einen grossen kirchlichen Beitrag zu diesem Fest vor. Eine Ausstellung im Münster und ein Spiel sollen erinnern an den Weg und vor allem an den Brief von Niklaus von Flüe, und also an die Bedeutung des Evangeliums für unser Land und seinen Frieden. Und beides soll dann auf Wanderschaft, zuerst nach Schaffhausen, wo auch Jubiläum ist, und dann durch die ganze Schweiz. Und ich bin heute jetzt hier, weil ich für dieses grosse Unternehmen angewiesen bin auf die Unterstützung und das innere Mittragen der ganzen Münstergemeinde. Bei all dem geht es darum, dass wir wieder ein deutliches Zeichen aufrichten dürfen: Über unserer Volksgemeinschaft, über Vreneli und Wilhelm Tell und Honegger und Giacometti steht der Name Gottes. Wir müssen nicht nur dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, wir dürfen auch Gott geben, was Gott gehört: unser ganzes Herz. Wir tragen Gottes Bild. Er hat uns gerufen: der eine, dreieinige Gott. Für ihn lohnt es sich, ganz da zu sein! Er ist es wert, dass wir ihm bedingungslos vertrauen. Er tut ein Werk, für das wir uns einsetzen dürfen, und von dem wir das Höchste erwarten können und dabei nicht enttäuscht werden. Zwar müssen wir oft umdenken, müssen noch viel lernen und manches mit grosser Geduld abwarten, und es kommt anders, als wir dachten. Aber das alles ist, weil Gott noch Besseres tut, als wir zunächst begreifen können. An dieses Göttliche dürfen wir uns ganz hingeben: Gebt Gott, was Gott gehört! Das wollen wir jetzt wieder tun, wollen zum Abendmahlstisch kommen und uns wieder neu in den Dienst von Jesus stellen: Er will uns geben, was uns heil macht und das Gottes Bild in uns wieder aufrichtet: Die Vergebung. Und er freut sich, wenn er dafür unsere Liebe und Dankbarkeit empfängt. Amen.
|